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Das Erbe der Tränen

Leseprobe

Die Legende der verschollenen Reiche

 

Prolog

 

Miran starb in ihren Armen. Sein Kopf lag in ihrem Schoß. Estrela presste beide Hände auf die Wunde, doch das Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor. Sie spürte, wie die Spannung aus seinem Körper wich.

»Miran.«

Er sah sie an, aber es schien, als würde er durch sie hindurchblicken. Als wäre etwas hinter ihr.

Du liebst sie.

Der Satz dieser Frau, der Mörderin, hämmerte in ihrem Kopf und wollte nicht verschwinden.

Miran hatte sie also geliebt? Und sie gleichzeitig verraten. Wie passte das zusammen?

»Warum?«, flüsterte sie.

Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut kam heraus.

In diesem Moment wurde ihr klar, dass er sterben würde. Ihre Hände begannen zu zittern, doch sie presste sie nur noch fester auf die Wunde, als könnte genug Druck das Unvermeidliche aufhalten. Um sie herum schrien Menschen. Wachen rannten über den Hof. Der König rief ihren Namen. Estrela hörte alles wie durch dickes Glas.

Ihre erste Träne fiel auf Mirans blutgetränktes Gewand, genau zwischen Estrelas Hände. Eine zweite folgte, dann eine dritte. Sie vermischten sich mit seinem Blut und sammelten sich zu einem einzigen Tropfen, der immer größer wurde.

Vor Estrelas Augen erstarrte die Flüssigkeit zu rot schimmerndem Glas. Eine handgroße Träne lag nun auf Mirans Brust, flach und glatt wie ein Spiegel.

Estrela starrte hinein.

All die Toten, all die Sterne umsonst.

All die Liebe, auf die sie so lange gewartet hatte …

Mirans Gestalt verschwamm vor ihren Augen. Ihr eigenes Gesicht blickte ihr entgegen. Verquollen, bleich, von Tränen gezeichnet. Sie blinzelte. Ihr Spiegelbild blinzelte nicht zurück.

Ein eisiger Stoß fuhr durch sie hindurch. Für einen Herzschlag wusste Estrela nicht mehr, auf welcher Seite sie sich befand.

Der Hof kippte. Mirans Gewicht verschwand aus ihrem Schoß. Sein regloser Körper unter ihren Händen war fort. Auch der Stein unter ihren Knien. Ihr eigener Atem. Alles Körperliche fiel von ihr ab. Vor ihr lag der Palasthof, verzerrt und von einem rötlichen Schimmer überzogen. Miran lag auf den Fliesen, den Kopf im Schoß einer Frau in einem blutigen Kleid.

Estrela kannte dieses Kleid. Kannte diese Frau. Sie sah sich selbst von irgendwo anders. Vergeblich versuchte sie, nach Miran zu greifen, irgendetwas in ihre Finger zu bekommen. Doch sie hatte keine Hände mehr. Sie wollte seinen Namen rufen, doch ihr fehlte der Mund.

Etwas Hartes umgab sie von allen Seiten. Glas. Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht. Sie war irgendwo eingeschlossen. Körperlos. Keine Wand, gegen die sie hätte schlagen können. Kein Raum, in dem sie sich hätte umdrehen können. Sie nahm keinen Platz mehr ein. Alles, was ihr blieb, war Sehen. Und Fühlen. Und Denken.

Angst.

Ein Mann trat in ihr Blickfeld.

Sie kannte ihn nicht. Langsam schritt er zwischen der panischen Menschenmenge hindurch. Sein Gesicht war blass, seine Augen wirkten selbst wie kleine Spiegel.

Vor Miran blieb er stehen und sah auf Estrelas Körper hinab. Dann bückte er sich. Seine Hand kam näher, und da erst erkannte Estrela, was er wollte: die Spiegelträne. Für einen Augenblick füllte seine Hand ihr ganzes Blickfeld aus. Dann schlossen sich seine Finger um das Glas. Dunkelheit umgab sie. Die Welt verschwand in seiner Faust.

 

Als wieder Licht auf sie fiel, lag sie auf einer glatten Fläche. Ein fremder Saal wurde sichtbar. Regale. Vitrinen. Glas. Der Mann stand über ihr und betrachtete sie. Dann legte er ein schwarzes Tuch über die Träne.

Es wurde finster.

Für eine lange Zeit.

 

Palast der tausend Sterne

 1

Mit jedem Perlenknopf, den die Zofen durch die engen Schlaufen zwängen, schnüren sie mich fester ein. Ich bekomme kaum noch Luft. Resigniert blicke ich in den Spiegel, auf den schweren weißen Seidenbrokat und die kalten Silberfäden. Ein Meisterwerk, geschaffen für eine makellose Prinzessin.

Aber ich bin nicht makellos.

Ich bin eine Frau Anfang dreißig, und das Kleid verbirgt nicht, was alle im Saal ohnehin tuscheln werden: dass ich zu alt bin für so viel Pracht. Dass ich froh sein kann, überhaupt noch von einem Fürsten zum Altar geführt zu werden. Fürst Lucien von Kalenberg. Aus einem kleinen Reich hoch im Norden, von dem ich vor drei Monaten noch nie gehört hatte.

Er liebt mich nicht. Warum sollte er auch?

Aber ich bin die zukünftige Königin von Asmarien, dem Himmelreich. Ein Reich, um das sich jeder Fürstensohn reißen würde, wäre da nicht die Prophezeiung. Lucien fürchtet sie nicht. Genau das macht ihn für meine Eltern so kostbar. Und für mich einfach verdächtig.

Das Kleid ist schön. Wie der Fürst. Aber es passt ebenso wenig zu mir wie er. Außerdem ist es völlig unpraktisch. Was soll ich in einem Kleid, in dem ich kaum durch eine Tür passe?

Die junge Schneiderin kniet vor mir und ordnet den Rock. Ihre ältere Meisterin steht ein Stück hinter ihr und beobachtet jeden Handgriff. Ich stehe vor dem Spiegel und sehe ihnen dabei zu.

Wenn ich es später schnell loswerden will, brauche ich ein Messer.

Melek hat mir seinen grauen Mantel dagelassen. In den Saum hat er ein Messer eingenäht. Sobald ich allein bin, schneide ich mich aus diesem Kleid, nehme den Mantel und gehe zum alten Falkentor. Dort steht Melek mit zwei Pferden. Er hat Brot eingepackt, Käse, Wasser, Verbandzeug und eine Karte der mittleren Welt.

»Hoheit?«

Ich sehe im Spiegel zur älteren Meisterin.

»Ihr habt die Luft angehalten.«

»Das passiert mir manchmal, wenn ich in Gedanken bin.« Warum muss ich ihr das eigentlich erklären?

»Achtet noch einen Moment darauf«, sagt sie vorsichtig. »Sonst schnüre ich Euch am Ende enger, als Euch lieb ist.« Sie meint es freundlich.

Ich nicke und atme ein.

Vor den Fenstern liegt Himmelreich im Morgenlicht. Weiße Wolkenberge ziehen unter uns vorbei, an den Rändern golden gefärbt. Weit dahinter kann man an klaren Tagen die Berge der mittleren Welt sehen.

Früher, als die legendären Reiche noch nicht verschollen waren, soll der Blick von hier oben ein anderer gewesen sein. Wie leuchtende Inseln lagen sie über der mittleren Welt, mit Türmen, Wäldern und gläsernen Gebirgen, die bis an den Horizont reichten. Zwischen ihnen verliefen Wege, auf denen Händler und Reisende von einem Reich ins nächste zogen. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Unter Himmelreich liegt nur noch die mittlere Welt. Die meisten Menschen am Hof blicken nicht gern dorthin, weil sie sie an alles erinnert, was Himmelreich nicht sein will: laut, arm, gewöhnlich.

Ich schon. Ich blicke gern dorthin. Unten gibt es noch immer Wege. Dörfer, in denen mich vielleicht niemand erkennt. Ställe, in denen Melek Arbeit findet. Orte, an denen eine Frau wie ich einfach verschwinden kann.

Meine Mutter kommt herein, ohne anzuklopfen. Die Schneiderinnen knicksen und räumen hastig Nadeln und Stoffreste zusammen. Meine Mutter wartet, bis sie draußen sind. Dann tritt sie hinter mich. Im Spiegel sieht sie schöner aus als ich. Das ist nichts Neues.

»Du siehst apart aus«, sagt sie.

Apart. Natürlich.

»Das Kleid ist zu schwer«, sage ich.

»Es ist ein Hochzeitskleid. Du musst es nur einen Tag lang tragen.« Meine Mutter legt mir die Hände auf die Schultern. »Heute ist ein guter Tag.«

»Für wen?«

Sie sieht mich erstaunt an. »Für dich. Für uns. Dein Mann ist ein Glücksfall in jeder Beziehung.«

»Weil er jung und schön ist?«

Ich könnte hinzufügen, dass ich Fürst Lucien kaum kenne. Dass ich ihn nicht liebe. Dass er vor drei Monaten mit Geschenken an unseren Hof gekommen ist, und seitdem alle so tun, als wäre das ein Glücksfall. Und ich es nicht verstehe. Sie kennen ihn doch auch kaum.

All das sage ich nicht.

»Er ist ein guter Mann«, sagt sie.

»Woher willst du das wissen?«, fahre ich sie an.

»Er weiß von der Prophezeiung«, sagt sie. »Und trotzdem will er dich heiraten.«

Als würde das reichen, um ein guter Mann zu sein. Aber für meine Mutter reicht es vielleicht wirklich.

Für die meisten Männer war ich nie die Frau, die sie heiraten wollten. Erst war ich die Prinzessin mit der Prophezeiung. Später die Tränenlose. Dann die Frau, die bei Begräbnissen gerade stand, bei Unglücken nicht zusammenbrach und beim Tod ihres Lieblingspferdes keine einzige Träne vergoss. Das Volk nannte mich stark, solange ich ein Kind war.

Irgendwann kippte es. Auf einmal hieß es, ich sei kalt. Hochmütig. Unfähig, etwas zu empfinden.

Und dann war ich dreißig.

Wenn aus dem Kind eine Frau geworden ist, hütet euch vor ihrer ersten wahren Träne. Denn wo sie fällt, wird auch ein großes Reich fallen.

So lautet der Satz. Ich kenne ihn, seit ich klein bin. Früher habe ich nicht verstanden, warum alle still wurden, wenn die Rede darauf kam. Später verstand ich es.

Ich weiß bis heute nicht, was eine wahre Träne sein soll. Niemand scheint es zu wissen. Also lernte ich, gar nicht erst zu weinen.

Trotzdem will er dich heiraten.

Der Satz klingt in meinen Ohren nach.

»Wie großzügig von ihm.«

»Alessa.«

Es klopft. Eine Kammerzofe tritt ein.

»Majestät. Hoheit. Der König fragt, ob die Prinzessin bereit ist.«

»Gleich«, sagt meine Mutter.

Die Zofe knickst und geht.

Gleich.

Meine Mutter sieht mich an. »In einer halben Stunde hole ich dich ab. Dein Vater wartet im Westgang.«

»Ich kenne den Ablauf.«

»Dann mach es uns nicht so schwer.« Sie geht zur Tür. Dort bleibt sie noch einmal stehen. »Eine halbe Stunde, Alessa.«

Im Schrank liegen meine Fluchtsachen und der graue Mantel. Ich reiße den Saum auf, finde das Messer und schneide die Knopfleiste des Kleides auf. Der Stoff gibt nicht sofort nach. Ich muss zweimal ansetzen.

Dann stecke ich das Messer in den Mantel zurück und steige aus dem weißen Brokat, ziehe Reithose und Stiefel an und werfe den Mantel über den Arm.

Im Spiegel flackert etwas. Eine Stimme dringt heraus. »Alessa.«

Ich halte inne. Was ist das?

Kurz sehe ich mich darin mit offenem Haar und dem grauen Mantel über dem Arm. Dann verschwindet mein Bild. Stattdessen steht Fürst Lucien hinter dem Glas. Ich zucke zusammen.

»Versuch es gar nicht erst!«, sagt er. »Du kannst mir nicht entkommen.«

Seine Stimme klingt dumpf, als käme sie aus einem hohlen Raum.

Ich weiche zurück. Aber wie will er mich aufhalten? Er ist hinter dem Glas.

Ich eile zur Zimmertür, drücke die Klinke herab, um sie zu öffnen, als etwas mein Handgelenk packt. Es ist keine Hand. Nur ein dunkler Streifen um meine Haut. Ich reiße daran, werde aber mit brutaler Gewalt zurück in den Raum gerissen. Ich taumle, stoße gegen einen Stuhl und greife nach dem Frisiertisch, doch ich bekomme nur noch einen meiner Handschuhe zu fassen.

»Melek«, rufe ich, als könnte er mir helfen.

Dann werde ich rückwärts in Richtung Spiegel gezogen. Ich pralle gegen den Rahmen, doch da ist kein Widerstand mehr. Dunkles Glas schließt sich über mir. Nur Meleks Mantel halte ich noch in meinen Händen. Ich klammere mich daran, weil ich sonst nichts mehr habe.

3D-Buchansicht von „Das Erbe der Tränen“ von Kaja Paulan mit dunkelblauem Fantasy-Cover und dekorativ gestaltetem Farbschnitt.

Du möchtest wissen, wie es weitergeht?

Begleite Alessa weiter auf ihrem Weg hinter den Spiegeln!
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