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Die Stunde der Feen - Wolfsfrevel

Leseprobe

Morgana fror entsetzlich. Ginevra hatte ihr Kleider gebracht, etwas zu essen gegeben, sie in die Höhle der heilenden, heißen Quellen geführt, wo ihre Wunden sich schließen konnten. Zumindest die körperlichen. Bis ihre seelischen Wunden heilten, würde es wohl noch eine Weile dauern. Vielleicht war es genau dieser innere Schmerz, der die eisige Kälte in ihr festhielt.

Sie zitterte unaufhörlich. Trotzdem entging ihr nicht, dass eine unerklärliche Schwermut auf Ginevra zu lasten schien, deren Haut wie frisch gefallener Schnee unter bleichem Mondlicht schimmerte.

Mit ihren schneeweißen Haaren und den eisblauen Augen wirkte sie zart und zerbrechlich, als könnte der leiseste Windhauch sie umwerfen. Doch Morgana wusste es besser. Sie hatte Ginevra in ihren Träumen gesehen. Da war die Eisfee wild und unberechenbar gewesen, stark und frei. Jetzt schien ein Schatten über ihrer Seele zu liegen, ein dunkler Schleier, der ihr Innerstes in dichten Nebel hüllte. Woher kam das nur? Was war ihr zugestoßen?

Ginevras Lippen waren blass, und ihr Lächeln, wenn sie überhaupt lächelte, melancholisch und rätselhaft, als wäre sie in Gedanken ganz woanders.

Auf Morganas anderer Seite saß Finistre, dunkel wie eine mondlose Wüstennacht. Ihre Haare fielen in schwarzen Wellen über ihre Schultern und ihre Augen waren ebenfalls schwarz. Doch tief in ihrem Innern schien ein Sonnenstrahl verborgen zu sein, der die Dunkelheit durchbrach.Ihre Haut glänzte wie Obsidian, das von Licht durchflutet wird. Finistre strahlte Stärke und Leidenschaft und … ja, Licht aus.

Vielleicht hatte die lange Zeit der Gefangenschaft ihr zugesetzt, sie überempfindlich gemacht, sodass sie Licht und Dunkelheit nicht mehr voneinander unterscheiden konnte.

„Tut mir leid, dass ich so spät komme“, entschuldigte Finistre sich jetzt bei Morgana. „Ich habe noch ein paar Menschen nach Hause begleitet, die Gina aus den Fängen der Schneekönigin befreit hat. Es hat länger gedauert, als ich vermutet habe.“ An Ginevra gewandt, setzte sie fort: „Kay und Gerda sind wohlbehalten nach Hause gekommen.“

Ginevra antwortete nicht.

„Möchtest du wissen, wie …?“, fragte Morgana.

„Später vielleicht“, unterbrach Ginevra sie schroff und stand auf. „Ich koche uns erst einmal einen Tee.“

„Bleib hier!“, bat Finistre. „Sprich mit mir!“

„Ich will nicht darüber sprechen.“

Finistre starrte ihr kopfschüttelnd hinterher.

„Was ist mit ihr?“, fragte Morgana. „Sie wirkt so … traurig.“

„Das ist sie“, sagte Finistre. „Sie war in einen Menschen verliebt. Er heißt Kay. Auf der Suche nach seiner Verlobten sind sie sich begegnet. Ginevra hat ihm geholfen, sie zu finden.“

„Ah, ich verstehe.“ Morgana seufzte.

„Nicht ganz“, entgegnete Finistre. „Sie kamen sich sehr nahe, und auch er verliebte sich in sie. Er wollte seine Verlobung lösen.“ Sie überlegte. „Doch Ginevra hat sich mit dunklen Mächten eingelassen. Und das kann nie gut gehen.“

„Dunkle Mächte“, murmelte Morgana und dachte an den Schatten, den sie auf Ginevras Seele wahrzunehmen glaubte. War das Liebeskummer?

 „Aber lassen wir das“, wechselte Finistre das Thema. „Es sollte hier um dich gehen und nicht um Ginevra. Du bist also unsere neue Schwester“, stellte sie nun lächelnd fest und Morgana lächelte zurück, obwohl es ihr schwerfiel.

„Nicht neu und nicht die Einzige“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte dabei. Sie hatte kaum geschlafen letzte Nacht, und jetzt musste sie wahrscheinlich wieder von vorn anfangen, alles noch einmal erklären. Dabei drängte die Zeit. Ihre Schwestern warteten auf Rettung.

„Wie viele von uns gibt es noch?“, fragte Finistre.

„Acht, von denen ich weiß“, antwortete Morgana. „Aber das habe ich Ginevra gestern schon alles erzählt.“

Finistre ging nicht darauf ein. „Acht“, wiederholte sie nachdenklich. „Dann sind wir elf Schwestern. Wir sollten zwölf sein.“

„Warum zwölf?“, fragte Morgana.

„Weil Mutter zwölf Feensamen in ihrem Beutel hatte, als sie sich auf den Weg zur Arde machte. Vielleicht ist einer der Samen verloren gegangen“, überlegte sie. „Oder er ist nie aufgegangen. Vielleicht ist die zwölfte aber auch noch da draußen im Ozean, weiß gar nicht, wer sie ist, und dass sie Schwestern hat.“

„Es wäre besser für sie, unwissend im Ozean zu treiben“, flüsterte Morgana.

„Erzähl noch einmal genau, was passiert ist“, bat Finistre. „Wo warst du, wie lange warst du dort und wie konntest du dich befreien?“

„Es ist … Ich habe das alles doch schon … Ich kann nicht …“ Sie brach ab.

Finistre sah sie mitfühlend an. „Ich weiß, dass du mit Gina gestern schon über alles gesprochen hast, dass sie es mir auch erzählen könnte. Aber ich will es von dir selbst hören. Bist du dazu in der Lage?“

Morgana atmete tief durch. Dann nickte sie. „Ich war in einer Höhle gefangen. Irgendwo im Meer. Und wie lange? Ich weiß es nicht. Seit meiner Geburt.“

„In der Nähe eines Riffs?“, fragte Finistre. „Versuch dich zu erinnern, wo genau! Du bist geflohen. Hast du den Weg noch im Gedächtnis?“

„Ich habe … Ich bin …“ Morganas Stimme versagte. Sie zitterte am ganzen Körper. „Er kann seinen Standort wechseln. Es war keine richtige Höhle. Es war …“

„Was?“, hakte Finistre nach.

„Ein Kaverlarynth.“

Dunkle, klaustrophobische Bilder stiegen in Morgana auf, die enge Höhle, in der sie sich kaum bewegen konnte, die glibberigen Wände, der modrige Geruch, die flackernden Lichtblitze, ausgelöst von winzigen Leuchtkreaturen, die über den Boden und die Decke krabbelten, sich ab und zu fallen ließen, auf ihren Kopf, auf ihre Arme …

Am Rande nahm sie wahr, dass Ginevra mit einem Tablett hereinkam, es abstellte und Tee einschenkte. Er roch nach Äpfeln und Zimt und dampfte in Tassen aus robustem Glas, deren Oberfläche beschlagen war.

Finistre sprang auf und hockte sich neben Morgana. „Tut mir leid!“, flüsterte sie und nahm ihre Hand. Sie zeichnete eine Blüte auf Morganas Handrücken.

„Urelia“, erklärte sie, „eine heilende Auruve. Gleich wirst du dich besser fühlen.“

Sie hatte recht. Morganas Panik wich und machte einer dumpfen Trauer Platz.

„Was ist ein Kaverlarynth?“, fragte Finistre jetzt.

„Ein Kaverlarynth ist ein Wasserdrache“, erklärte Ginevra und trank einen Schluck Tee. „Sein Körper ist riesig und voller Hohlräume. Er kann ganze Schiffe samt ihrer Ladungen verschlucken. Inseln und Riffe mit allem, was darauf lebt. Er schläft gern jahrelang am Meeresgrund und ist dann leicht mit einem Felsen zu verwechseln.“

Finistre öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ihr Blick wanderte von Morgana zu Ginevra und wieder zurück. „Woher weißt du das alles?“

„Aus Morgana war nicht viel darüber herauszukriegen, darum habe ich meinen Anpolarisspiegel befragt.“

„Du hast immer noch diesen unheimlichen Spiegel?“, fragte Finistre. „Ich dachte, du hättest ihn im Meer versenkt?“

„Warum sollte ich? Er ist wieder vollständig und heil. Ein mächtiges magisches Werkzeug. Warum ihn vernichten?“

„Vor allem war er ein magisches Werkzeug der Hartunghexe“, murmelte Finistre.

Ginevra hob die Schultern. „Vor der Hartunghexe habe ich keine Angst. Im Gegenteil. Der Splitter, den sie mir geschenkt hat, hat das Loch im Spiegel verschlossen. Er ist perfekt, so, wie er ist.“ Sie lächelte ein wenig spöttisch. „Und außerdem gehört er mir, und nur mir. Nicht der Hartunghexe. Mach dir keine Sorgen, Schwester.“

„Ich mache mir aber Sorgen. Noch nie habe ich gehört, dass die Hexe selbstlos etwas verschenkt hat.“ Sie zögerte. „Und wenn, dann war es immer zum Schaden des Beschenkten.“

„Wer ist die Hartunghexe?“, fragte Morgana.

„Erinnerst du dich an die finsteren Mächte, die ich vorhin erwähnt habe?“ Finistre presste die Lippen zusammen.

„Sie lebt in den harschigen Sümpfen, die man nie allein betreten sollte“, erklärte Ginevra und warf Finistre einen verständnislosen Blick zu. „Dort ist sie die alleinige Herrscherin. Eine grausame noch dazu. Es heißt, dass sie einst eine Meerhexe war und wunderschön, doch das Leben in den Sümpfen hat sie hässlich gemacht, äußerlich und innerlich. Als Kay und ich auf der Suche nach seiner Verlobten waren, haben wir sie aufgesucht. Der Spiegel hat mich zu ihr geführt. Und es stellte sich heraus, dass sie mir etwas schuldete.“

„Was schuldete sie dir denn?“ Finistre und Morgana stellten gleichzeitig diese Frage, nur dass Finistres Stimme vor Sarkasmus triefte. 

Ginevra schnaubte verächtlich. Dann wandte sie sich Morgana zu. „Sie hatte mir vor einigen Jahren den dunklen Teil meiner Seele gestohlen und in einer Doppelgängerin von mir manifestiert, die sie Schneekönigin nannte. Sie schenkte mir eine dunkle Flocke, die einen Spiegelsplitter in sich barg. Mit ihrer Hilfe besiegte ich die Schneekönigin, und der Splitter reparierte den kaputten Spiegel. Seitdem bin auch ich wieder ganz, und meine magischen Kräfte haben zugenommen.“

Der dunkle Teil der Seele, dachte Morgana. Das hörte sich nicht nach selbstloser Hilfe an.

„War es die Schneekönigin, die die Verlobte deines …“ Morgana überlegte, wie sie den Satz am geschicktesten beenden konnte. „… Kay … Finistre hat erzählt, dass sie Menschen zurückgebracht hat, die du befreit hast … von dieser Schneekönigin.“

„Da konnte wohl jemand seinen Mund nicht halten“, ließ Ginevra kühl verlauten. „Ohne das Geschenk der Hexe jedenfalls hätte ich die Schneekönigin nicht besiegen können. Der Spiegel wäre immer noch nicht ganz und ich auch nicht. Erinnerst du dich, wie schwach ich war?“

„Du warst nicht schwach. Du warst eine Suchende. Die Hartunghexe hat noch nie etwas ohne Berechnung gemacht. Erinnere dich, was sie dir angetan hat. Der Kuss des Vergessens war ja wohl ebenfalls ein Geschenk der Hartunghexe. Ein vergiftetes.“

„Er war das Beste, was mir passieren konnte. Es war ein Fehler, dass ich mein Herz an einen Menschen gehängt habe. Ein Fehler, der durch diesen Kuss korrigiert wurde. Insofern war er kein vergiftetes, sondern ebenfalls ein wertvolles Geschenk.“

„Argh!“ Finistre verzog den Mund, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen. „Was bist du nur …?“

„Könnt ihr damit aufhören?“, rief Morgana. Der Streit ihrer Schwestern löste ein Engegefühl in ihrer Brust aus.

Finistre und Ginevra tauschten einen kurzen Blick. Sie wirkten betreten.

„Tut mir leid!“, murmelte Ginevra. „Wo waren wir stehen geblieben?“

 „Beim Kaverlarynth“, erinnerte sie Finistre. „Du hattest deinen Spiegel nach ihm befragt.“

„Ach ja! Der Kaverlarynth wird oft für einen Mythos gehalten. Er lebt im Meer, in der Tiefsee, und ist leicht mit einem Unterwasserfelsen zu verwechseln. Darum bekommt man Kaverlarynthe nur selten zu Gesicht. Und das ist auch gut so, denn wenn sie auftauchen - einmal in hundert Jahren – dann tun sie es, um zu fressen. Riesige Schiffe samt Ladung und Besatzung landen dann in ihrem Bauch. Und wahrscheinlich auch Feen … manchmal. Ich denke, es wird nicht allzu schwer werden, unsere Schwestern aus dem Bauch des Wasserdrachen zu befreien.“

„Nein, es ist komplizierter“, unterbrach Morgana. Sie griff nach einer Tasse Tee, um sich zu wärmen, und stellte sie sofort wieder hin. Es fühlte sich an, als hätte sie sich die Finger verbrannt.

„Das ist kyromagisches Glas“, sagte Ginevra, die sie anscheinend genau beobachtet hatte. „Du musst fürchterlich frieren, kein Wunder, dass es dir zu heiß vorkommt.“

Sie berührte die Tasse, das Eis klarte auf. Dann zeichnete sie mit dem Finger etwas in die Luft. Ein Fell schwebte heran und legte sich um Morganas Schultern.

„Versuch’s jetzt“, sagte sie.

Morgana nahm die Tasse erneut in die Hand. Dieses Mal strahlte sie eine angenehme Wärme aus. So ging das also mit dem Zaubern. Morgana wurde klar, dass sie noch viel zu lernen hatte.

„Was meinst du damit, dass es komplizierter wird?“, fragte Finistre.

„Der Kaverlarynth ist ein schwimmendes Gefängnis, das von einem … Schatten kontrolliert wird.“

Finistre stieß einen überraschten Laut aus.

Ginevra sagte kein Wort, sondern goss ihrer Schwester einen neuen Tee ein.

„Ein Schatten?“, fragte Finistre gepresst. „Was für ein Schatten?“

„Alles in Ordnung mit dir?“ Ginevra zog die Augenbrauen hoch.

„Ja … Nein!“ Finistre kaute auf ihrer Unterlippe. „Ich habe mich gerade an den letzten Moment meines Kampfes mit dem Schattengott erinnert. Ein riesiges Ungeheuer stieg aus dem Meer auf und verschluckte ihn. Aber das wäre doch … das ist doch …“

„… verrückt“, ergänzte Ginevra ungerührt. „Du hast ihn besiegt. Punkt! Aus! Oder glaubst du ernsthaft daran, dass er dieser … Schatten ist, dass er im Bauch von diesem Kaverlarynth herumspukt und unsere Schwestern erschreckt? Das wäre doch … absurd. Solche Zufälle gibt es doch nicht wirklich.“

„Vielleicht hast du recht“, räumte Finistre ein, aber es klang nicht überzeugt. Sie wandte sich wieder Morgana zu. „Kannst du den Schatten beschreiben?“

„Es ist schwer, ihn zu beschreiben, denn er veränderte sich ständig. Mal war er ein dunkler Fleck, der sich an den Wänden bewegt oder am Boden ausgebreitet hat wie ein Tintenmeer. Dann wieder hatte er überhaupt keine Konturen, sondern der Raum füllte sich einfach mit Finsternis und Kälte, wenn er eintrat, und manchmal war er irgendwas dazwischen. Aber egal, in welcher Gestalt er sich zeigte, er war immer … angsteinflößend. Er schien alles kontrollieren zu können. Er kam uns in unseren Zellen besuchen, brachte uns zu essen und zu trinken, erzählte Geschichten von draußen und fragte uns über Magie aus. Warum auch immer, ich habe doch keine Ahnung von Magie.“

Den letzten Satz schrie sie beinahe. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und weggelaufen. All diese Fragen. Sie konnte es kaum aushalten.

„Solltest du aber“, sagte Finistre. „Du solltest Ahnung davon haben. Du bist eine Fee, und alle Feen besitzen Magie. Du sagtest anfangs, du wärst allein in einer dunklen Kammer gewesen? Und deine Schwestern?“

„Jede hatte eine Kammer.“

„Gab es denn Verbindungen zwischen den Kammern? Woher wusstest du von den anderen Schwestern? Wie habt ihr euch verständigt?“

Konnte sie nicht einfach aufhören und Ruhe geben? Morgana hielt sich die Ohren zu. Alles kam wieder hoch, die erdrückende Enge, die brodelnden Geräusche im Innern der Kammer, das rhythmische Pochen, das Rauschen und Gurgeln, der durchdringende Geruch nach totem Fisch und verrottendem Tang.

„Da waren Türen. Unsere Kammern waren mit Türen verschlossen. Das wollte ich euch vorhin sagen. Es ist nicht der Kaverlarynth, der uns gefangen hält … mich gefangen gehalten hat … es ist dieser Schatten.“

Sie musste sich zusammenreißen. Ihre Schwestern hatten ein Recht darauf, alles zu erfahren. Morgana nahm einen Schluck Tee. Der Apfel-Zimt-Geschmack verdrängte den Aasgeruch, der sich in ihrer Nase festgesetzt hatte, und die Wärme, die sich wieder in ihrem Innern ausbreitete, löste die Enge in ihrem Hals.

„Ich konnte die anderen in meinen Träumen besuchen“, sagte Morgana. Ihre Stimme zitterte immer noch. „So wie dich, Ginevra. Ich habe dich in einem Traum besucht. Erinnerst du dich?“

„Ich erinnere mich.“ Ginevra nickte. „Ich dachte, ich wäre in den Träumen eines Menschen. Und auf einmal sah ich dich. In zerrissenen Kleidern lagst du in einer Höhle, die langen, braunen Haare wie einen Fächer um dich herum ausgebreitet. Ich wusste nicht, wer du warst, ich dachte, dieser andere, der Mensch, würde von dir träumen.“

„Dieser Mensch war Kay“, warf Finistre ein.

Ginevras Blick verdunkelte sich. „Ja, so hieß er.“

„Das war nicht mein erster Besuch in deinem Traum“, erklärte Morgana. „Aber der erste, den du bemerkt hast. Der Schatten hatte erzählt, dass es noch zwei andere Schwestern draußen gibt, mit denen er uns zusammenbringen wollte. Da bin ich auf die Suche nach euch gegangen und habe dich gefunden, Ginevra.“

„Ich wusste damals nicht, was dieser Traum bedeutete.“

„Du wusstest so manches Mal nicht, dass ich dich besucht habe. Wenn du wach warst, hast du mich nicht bemerkt. Ich habe gesehen, wie du den Ring mit den Schlüsseln geformt hast.“

„… sagt die, die angeblich keine Magie beherrscht“, erwiderte Ginevra, aber es klang nicht spöttisch, eher bewundernd.

„Das ist ja alles schön und gut, Ginevra, aber wir sollten uns ernsthaft Gedanken machen. Woher weiß er von uns, von dir und von mir, wenn er nicht der Schattengott ist, der die Insel zerstören wollte?“

„Du weißt nicht, ob er es ist“, widersprach Ginevra. „Wenn dieser Schatten so umtriebig ist, wie es scheint, kann er auf verschiedensten Wegen zu seinen Informationen gekommen sein. Er verfügt ja über eine gewisse Macht, wenn man Morgana Glauben schenken kann.“

„Warum sollten wir ihr nicht glauben?“

Ginevra wiegte den Kopf. „Nun ja, sie scheint unsicher zu sein, leicht zu manipulieren und ängstlich. Stimmt’s, Morgana?“

„Wie meinst du das?“, fragte Finistre.

Ginevra wandte sich an Morgana: „Ich weiß, dass du Schreckliches erlebt hast. Deine Erlebnisse haben dich gezeichnet, oder?“

Morgana senkte den Blick. „Du hast recht. Ich wurde ins Dunkel hineingeboren und habe es nie verlassen. Bis vor Kurzem nicht. Es fühlt sich immer noch furchtbar an.“ Erneut begann sie zu zittern. „Überall war es feucht, glibberig, ständig hing ein beißender Geruch in der Luft, ein gedämpftes, monotones Rauschen und ab und zu ein Echo.“

„Aber das hilft uns alles nicht, wenn wir deine Schwestern finden wollen.“

„Sei nicht so unsensibel!“, sagte Finistre.

Sie hat recht, dachte Morgana. Ich sollte mich zusammenreißen, sonst bin ich eher eine Last als eine Hilfe.

„Du und unsere anderen gefangenen Schwestern seid euch also in deinen Träumen begegnet?“, fragte Finistre sanft. „Wie kam es dazu? Wann fing das an?“

„Wir waren voneinander getrennt“, erzählte Morgana. „Jede von uns in einer eigenen, engen Kammer gefangen. Irgendwann hörte ich in einem meiner Träume eine Stimme, die Stimme meiner Schwester Violante, die genau wie ich in einer Kammer lag, in der gleichen Dunkelheit, mit den gleichen Ängsten wie ich. Von nun an war ich nicht mehr allein.“

„Und die anderen?“, fragte Ginevra.

„Sie kamen so nach und nach dazu. Loretta, Eloise, Idalia, Hyazinthe, Selvaggia …“

„Schrecklich! Ich frage mich, wie du das alles heil überstehen konntest“, flüsterte Finistre.

„Ich kannte nichts anderes. Nur das. Die Dunkelheit, den Schatten, den Kaverlarynth. Und die Stimmen meiner Schwestern. Wir haben immer, wenn wir konnten, miteinander geredet, uns Mut zugesprochen.“

„Worüber? Worüber kann man reden, wenn man in Gefangenschaft groß wird? Da erlebt man doch nichts. War es nicht langweilig?“

Morgana schüttelte den Kopf. „Allein in der Dunkelheit zu sein, bedeutet ja nicht, dass man nichts erlebt. Erleben findet im Kopf statt. Der Geist kann frei reisen, selbst wenn der Körper gefangen ist. Wir haben uns erzählt, wie die Welt da draußen aussieht, und was wir dort erleben könnten, wenn wir frei wären.“

„Woher konntet Ihr wissen, wie es draußen aussieht?“

„Wir wussten es nicht. Wir haben es uns vorgestellt.“ Wieder überlegte Morgana. „Obwohl … Ich kann ja eigentlich nur von mir reden. In meinen Träumen bin ich durch Wälder gestreift. Es roch würzig und frisch, nach Holz und Erde. Die Bäume flüsterten mir ihre Geschichten zu, während meine Finger über ihre rauen Rinden strichen. Vögel sangen in ihren Kronen, und magische Wesen huschten durch das Unterholz. In manchen Wäldern war die Luft von süßen und exotischen Düften geschwängert, und der Regen tropfte vom Blätterdach der hohen Bäume. Farbenprächtige Schmetterlinge und Libellen schwirrten durch das Unterholz, und überall zirpte, gluckste, schrillte und knackte es. In anderen Wäldern wirkten die Bäume mit ihren knorrigen Ästen wie Wächter uralter Geheimnisse. Ein unheilvolles Flüstern von allen Seiten jagte mir kalte Schauer über den Rücken …“

„Ich kann mir immer noch nicht erklären, wie der Schlüssel zu dir gekommen ist, mit dem du deine Gefängnistür öffnen konntest“, unterbrach Ginevra sie.

„Er hieß Gladurlykill und war eine Winterglyphe.“

Morgana rief sich den Ring aus pulsierendem Nordlicht mit den sieben geheimnisvollen, mondsilberfarbenen Schlüsseln ins Gedächtnis zurück.

„Du weißt, was Winterglyphen sind?“

Sie verneinte.

„Es sind Zauberzeichen aus winterlichen Essenzen. Wenn die Magie stark genug ist, materialisieren sie sich in der realen Welt.“ Ginevra machte eine kurze Pause, vielleicht wollte sie sicherstellen, dass Morgana ihr folgen konnte. „Gladurlykill bestand aus Frost, Schnee, Eis, Firn, Sturm, Reif und einem Eisdiamanten. Ich hatte sie erschaffen, um das Tor zum Palast der Schneekönigin aufzubrechen und die gefangenen Schneeflocken zu befreien, aber dass er zu dir gefunden hat …“ Ginevra schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nicht, möglicherweise habe ich Gladurlykill … gerufen? Als ich dich das letzte Mal in meinem Traum sah, standest du in einem verschneiten Tal und hast diese … Winterglyphe ausgesandt. Ich sah, wie sie ein Tor öffnete, das vorher verschlossen war. Sie sah so wunderschön aus. Ich habe mir gewünscht, dass ich auch so einen Schlüssel für meine Gefängnistür hätte. Als ich erwachte, hielt ich den Schlüsselring in meiner Hand. Ich stand auf und schloss die Tür mit einem der Schlüssel auf, dessen Griff wie eine Schneeflocke aussah.“

„Schnee“, flüsterte Ginevra.

„Im nächsten Augenblick schmolzen alle anderen Schlüssel in meiner Hand, nur der Ring mit dem blauen Diamanten in der Mitte blieb übrig. Und die Kammern meiner Schwestern öffneten sich nicht. Ich wollte sie nicht verlassen, doch sie flehten mich an zu gehen, allein zu fliehen und Hilfe zu holen.“

„Wie hast du hierhergefunden?“

„Ich berührte den blauen Diamanten in der Mitte des Ringes. Er war so kalt, dass ein schneidender Schmerz durch meinen Finger, meinen Arm, meinen ganzen Körper fuhr“, erzählte Morgana. „Für einen kurzen Augenblick verschwamm alles vor meinen Augen. Ich wurde aus dem Kaverlarynth herausgezogen. Oder eher … Ich erinnere mich an ein Gefühl des Gleitens, getragen durch Dunkelheit, Wasser, Sturm und Eis. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in der Kristallfeste. Ich vermute, der Ring hat mich hierhergeführt. Ich war so glücklich, frei zu sein.“

Allerdings verblasste dieses Glück so schnell wie ein flüchtiger Sonnenstrahl an einem stürmischen Himmel. Wenn ihr doch nur nicht so kalt wäre. Morgana kauerte sich auf den Stuhl, zog die Beine an, schlang die Arme um ihren Körper und wiegte sich hin und her, suchte verzweifelt Schutz vor den schrecklichen Bildern in ihrem Kopf.

Ginevra bewegte die Lippen, sie sagte wohl etwas zu ihr, doch Morgana hörte es nicht. Sie presste die Hände auf die Ohren und schloss die Augen. Doch die Bilder ließen sich nicht vertreiben. Im Gegenteil: Um sie herum flimmerte alles. Hell und Dunkel wechselten einander ab. Es pochte, klopfte, grollte. Das Ungeheuer erwachte, sein Blut rauschte durch pulsierende Wände, die feuchte, faulige Luft kroch in ihre Lungen, sie konnte sie schmecken. Sie war wieder dort. In der Finsternis. Allein. 

„Morgana, wach auf! Wir sind hier. Du bist … in Sicherheit.“ Finistres Stimme riss sie aus dem Albtraum.

Ja, sie war in Sicherheit. Doch sie fürchtete, dass sie immer noch eine Gefangene war, es so lange bleiben würde, bis ihre Schwestern befreit waren.

„Ich … Mir fällt es nicht mehr ein.“ Sie versuchte ein Lächeln. „Aber ich …“

„Lass!“, unterbrach Finistre sanft. „Wir werden Mutter aufsuchen. Vielleicht kann sie uns weiterhelfen.“

„Mutter?“

Mutter! Sie hatte eine Mutter. Ein Schwindel erfasste sie, und vor ihren Augen wurde alles schwarz.

Farbschnitt-Mockup von „Die Stunde der Feen – Sammelband 2“ von Kaja Paulan

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Begleite Morgana, Flordelis und ihre Schwestern auf ihrem Weg und erlebe, wie sich das Schicksal der Feen entscheidet.
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