Ragnamar - Das letzte Wort
Leseprobe
Ich sah Fenric das nächste Mal wieder, als er auf einer Leiter stand und Bücher sortierte. Es widersprach völlig dem, was Agnola von ihm behauptet hatte. Er wirkte konzentriert und ernst, anders als gestern, und er schien mich nicht zu bemerken. Ich blieb im Schatten eines Bücherregals stehen und beobachtete ihn.
Seine Bewegungen waren routiniert. Er zog ein Buch heraus, hielt es kurz in der Hand, betrachtete es von allen Seiten und stellte es ein Regalbrett tiefer zurück. Dann das nächste. Und wieder eines.
Es gefiel mir, wie er es tat, und erinnerte mich an meine Zeit mit Jacob. Nur sein System durchschaute ich noch nicht. Ordnete er nach Titel, nach Themen oder Autoren? Ich stand zu weit weg, um es überblicken zu können. Ich wollte aber auch nicht nähertreten, weil ich ihn nicht stören wollte.
Trotzdem erschien es mir nach einer Weile merkwürdig. Es sah nur auf den ersten Blick nach einer durchdachten Ordnung aus. Die Bücher standen lückenlos, ein Band reihte sich an den nächsten. Alle waren von gleicher Höhe.
Aber: Die Buchrücken reihten sich farblich sortiert aneinander. Von hellem Beige über verschiedene Rost- und Kupfertöne bis hin zu tiefem Blaugrün – das ganze Regal bildete einen fließenden Farbverlauf. Und wieder zurück. Die gleichen Farben in umgekehrter Reihenfolge.
Das war verstörend. Und schön. Aber es hatte nichts mit Bibliotheksarbeit zu tun.
Unwillkürlich stöhnte ich auf.
Fenric drehte sich um. »Oh, Emilia, du bist wach. Warte!« Er stieg die Leiter hinunter und betrachtete sein Werk wie ein Maler sein fertiges Gemälde.
»Komm, stell dich zu mir! Was hältst du davon?«
Natürlich hatte er mich bemerkt. Und wahrscheinlich genossen, wie interessiert ich ihn beobachtet hatte.
»Ich weiß nicht, warum du das tust. Es ergibt überhaupt keinen Sinn.«
»Es ergibt durchaus Sinn, du erkennst ihn nur nicht.«
»Das ist eine Bibliothek, Fenric, kein Materiallager für irgendwelche visuellen Ideen oder künstlerische Selbstverwirklichung. Es ist …« Ich suchte nach den richtigen Worten. »… beeindruckend, keine Frage. Aber ich möchte gar nicht wissen, welche Ordnung du dabei völlig durcheinandergebracht hast. Oder was Jacob dazu sagt, wenn er das alles nach seiner Rückkehr neu sortieren muss.« Agnolas Vermutung fiel mir ein. »Kannst du überhaupt lesen?«
Fenric lachte spöttisch auf. »Wer hat dir denn den Floh ins Ohr gesetzt, Emilia, dass ich nichts mit Büchern anfangen kann? Die Frau Holle? Ich dachte nicht, dass du dich so leicht beeinflussen lässt. Wenn du deinem eigenen Urteil vertrauen würdest, würdest du längst erkennen, worum es hier geht.«
»Es war nicht Agnola, es war …« Ich stutzte. Fenric hatte recht. Die Bücher, die er nach Farben sortiert hatte, trugen Titel wie »Alles auf Anfang«, »Jenseits des Lebens«, »Tod und Wiederkehr« …
»Ich habe nichts durcheinandergebracht«, sagte er. »Alle Bücher hier gehören zusammen. Sie handeln vom gleichen Thema.« Er machte eine kurze Pause. »Geburt. Leben. Tod. Und das, was danach kommt. Der ewige Kreis.« Er fuhr mit der Fingerspitze langsam über die Buchrücken.
»Willst du mich beeindrucken?«, fragte ich. Obwohl, das tat er gerade. Er beeindruckte mich.
»Hältst du dich für so wichtig, dass ich es müsste?«
Das wurde jetzt langsam wirklich unangenehm. »Natürlich nicht. Ich verstehe es nur nicht. Es kommt mir die ganze Zeit so vor, als würdest du irgendwas von mir wollen. Willst du etwas Bestimmtes von mir, Fenric?«
»Gut!« Er nickte. »Beinahe hätte ich geglaubt, du bist ein bisschen begriffsstutzig. Magst du einen Kaffee? Dann kann ich dir alles erklären.«
Kaffee? War das sein Ernst?
»Warum? Ich denke, im Land der ewigen Geschichten braucht man nichts zu essen und zu …«
»Erinnerst du dich an den Geschmack von Dingen?«
»So wie Sahnetorte und Erdbeerlimonade?«
»Genau. Nur darum geht es.«
»Ich mag keinen Kaffee«, sagte ich. »Nur mit viel Milch und Zucker.«
»Dann setz dich. Er wird dir schmecken, glaub mir.«
Ich setzte mich in meinen bordeauxroten Sessel.
Wenige Augenblicke später kam Fenric zurück. In den Händen hielt er ein Tablett mit zwei Tassen. In der einen dampfte es schwarz, in der anderen schäumte Milch und obenauf lag eine Zimtstange leicht schräg auf dem Tassenrand. Daneben ein kleiner goldener Löffel, an dem dicker, bernsteinfarbener Sirup klebte. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben.
»Für dich, wie gewünscht: wenig Kaffee, dafür viel Schaum und Zucker.«
Er stellte die Tassen auf einen kleinen Beistelltisch, der plötzlich neben meinem Sessel stand, als wäre er immer schon da gewesen.
Ich nahm meine Tasse in beide Hände, roch daran und trank einen ersten Schluck. Er war heiß und süß – aber nicht zu heiß, sondern genau richtig. Wie eine Umarmung von innen, die ich jetzt dringend brauchte.
Und gleichzeitig riss der Geschmack etwas in mir auf, das ich gar nicht brauchte: die Sehnsucht nach meinem alten Leben, in dem so ein Getränk noch mehr bedeutete als Geschmack und Erinnerung. Am liebsten hätte ich geweint. Sollte das von nun an mein Leben sein? Hier in der Bibliothek mit Fenric? Leben! Jetzt konnte ich ein Schniefen doch nicht mehr unterdrücken.
Fenric betrachtete mich mit zusammengekniffenen Augen. Ich wollte mir keine Blöße vor ihm geben, also riss ich mich zusammen und wischte entschlossen die Tränen fort. Er nickte zufrieden.
»Gut so! Ich bin nämlich ziemlich schlecht im Trösten. Das ist alles ziemlich schräg hier. Und schwer. Wenn du nur hier sitzt und in deine Kaffeetasse weinst, wird nichts besser. Glaub mir, ich habʼs versucht.« Er winkte ab, als wäre alles zum Thema gesagt. Aber ich wurde hellhörig.
»Du … hast es … versucht?«
»Glaubst du ernsthaft, zwischen all den toten Wesen und Geschichten bin ich hier freiwillig und begeistert zum Beobachter und Bibliothekar mutiert?«
Jetzt war ich verwirrt. »Aber warum dann …?«
»Ich erklärʼs dir später. Vielleicht. Jetzt bleibt uns nicht mehr viel Zeit, bevor die Frau Holle ihren nächsten Kontrollbesuch hier antritt. Weißt du, warum du von Anfang an mein Interesse geweckt hast, Emilia?« Er sah mich erwartungsvoll an.
Ich kam mir auf einmal vor wie jemand, der im falschen Spiel die Hauptrolle bekommen hatte und jetzt schon wusste, dass die Regeln unfair waren.
»Ist das ein Quiz?«, fragte ich. »Bekomme ich einen Preis für die richtige Antwort?«
»Wow!« Fenric strahlte mich an. »Ich spüre es, wir werden ein Wahnsinnsteam, du und ich. An Schlagfertigkeit nicht zu übertrumpfen.«
Es wurde immer nebulöser. »Für jemanden, der es eilig hat, nimmst du dir aber ziemlich viel Zeit«, fuhr ich ihn an.
Fenric lachte schallend. Dann wurde er schlagartig ernst. »Hör zu, Emilia, du bist die Erste, die ich hier getroffen habe, die sich an ihr Leben vor dem Tod erinnert. Alle anderen haben vergessen, wer sie waren.«
»Was? Warum?« Mir fehlten auf einmal die passenden Worte. Warum hatten sie alles vergessen? Und wie konnte es etwas Besonderes sein, sich zu erinnern? Die Lust am verbalen Schlagabtausch war mir vergangen. Ich sah Fenric mit großen Augen an.
Fenric griff die eingetretene Stille dankbar auf. Auch er war jetzt ernst geworden. »Ich weiß es nicht. Nicht wirklich. Ich kann es nur ahnen.«
»Dann sag mir, was du ahnst«, flüsterte ich.
»Vielleicht macht es den Tod leichter. Keine Erinnerung, kein Schmerz. Nichts, woran man festhält. Vergessen, bevor man selbst vergessen wird. Aber bei dir ist das anders, du erinnerst dich. An deinen Namen, wo du herkommst, was du erlebt hast. Und das heißt vielleicht: Du gehörst nicht hierher. Auch wenn Frau Holle das anders sieht.« Er lehnte sich zurück und musterte mich prüfend. Dann sah er mir direkt in die Augen. »Ich auch nicht, übrigens. Ich gehöre auch nicht hierher.« Und bevor ich wieder nachhaken konnte, fügte er schnell hinzu: »Was ich sagen will: Vielleicht sollten wir gemeinsam herausfinden, warum wir beide hier gelandet sind und uns getroffen haben. Ob das Zufall war. Und ob es einen Weg zurück ins Leben gibt.«
Einen Moment lang saß ich wie erschlagen da. Das waren ziemlich viele und ziemlich gewichtige Informationen auf einmal.
Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er sah auf einmal … alarmiert aus. Als hätte er etwas Verdächtiges wahrgenommen. Er beugte sich vor und winkte mich zu sich heran.
»Hör zu!«, flüsterte er mir ins Ohr. »Die Frau Holle kommt gleich und will wissen, ob ich schon mit meiner Bibliotheksführung angefangen habe. Merke dir Folgendes: Ich bin mit dir durch die Säle gehetzt, du hattest kaum Zeit, dich umzusehen. Was du entdeckt hast, waren merkwürdige Bücher, von denen dir einige Titel im Gedächtnis geblieben sind. Wenn du ganz schnell deine Augen schließt, kann ich dir das Schmuckstück unserer Bibliothek und einige dieser Bücher zeigen, bei deren Erwähnung sie sicher beeindruckt sein wird. Machst du das?«
»Was?«, fragte ich.
»Die Augen zu.«
Zögernd gehorchte ich. Erst war da nur Dunkelheit, doch schnell veränderte sich etwas. Ein Flirren breitete sich hinter meinen Lidern aus. Und dann öffnete sich vor meinem Inneren ein neuer Raum.
Ich fand mich in einem riesigen runden Saal wieder. Der Boden unter meinen Füßen war weich wie Moos. Gebündeltes Licht schimmerte herein wie Sonnenstrahlen, die durch einen zerschlissenen Vorhang fielen.
Über mir schwebten Bücher. Sie bewegten sich geordnet in konzentrischen Kreisen durch die Luft. Es hörte sich an, als würden sie knisternd atmen. Ab und zu blieb eins von ihnen vor mir stehen und präsentierte mir seinen Rücken.
»Die Grimmschen Schattenbände«, »Das Viehmann-Fragment«, »Bechsteins verborgene Aufzeichnungen«, »KHM IX – Kommentierte Sonderausgabe«.
Das ist der Saal der flüsternden Bücher, hörte ich Fenrics Stimme in meinem Kopf. Alles, was du über die Bibliothek wirklich wissen musst, ist hier.
»Einen wunderschönen Tag, ihr Lieben«, hörte ich da schon Agnola. »Ihr habt es euch ja gemütlich gemacht. Gibt es für mich auch noch einen Kaffee?«
Ich öffnete die Augen.
»Und du hast geruht, Emilia? War dein erster Morgen hier schon so anstrengend?«
»Das war er in der Tat, Verehrteste!«, kam Fenric mir zuvor. »Wir haben uns die Bibliothek angeschaut.«
Agnola hob eine Augenbraue. »So schnell?«
Ich nickte und suchte nach Worten. »Es war … überwältigend. So beeindruckend, dass ich erst einmal durchatmen musste. Deshalb der Kaffee.«
Fenric grinste zustimmend und warf mir einen anerkennenden Blick zu. Mir wurde heiß. Hoffentlich wurde das Lügen nicht zu einer neuen Angewohnheit von mir.
»Wolltest du mir nicht einen Kaffee holen?«, fragte Agnola ihn.
»Aber gern!« Fenric verschwand hinter den Regalreihen.
»Ganz ehrlich, ihr wart schon in der Bibliothek?«
Ich nickte.
»Und, hat er dich mit seinen kleinen Spielereien beeindruckt?«
O ja, das hatte er. Denn es war mehr als bloße Spielerei gewesen. Er hatte mir auf seine Art gezeigt, dass der Tod nicht das Ende sein musste, wenn man ihn nicht hinnahm. Dass es vielleicht einen Weg nach draußen gab. Aber das musste ich Agnola nicht auf die Nase binden.
»Erzähl mir etwas über die Bibliothek«, sagte Agnola. »Gefällt sie dir? Du konntest es doch bestimmt kaum erwarten, sie zu erkunden.«
Ich nickte. »Sie ist wirklich riesig. Ich habe nur einen Bruchteil von dem gesehen, was Fenric mir zeigen wollte. Weil es mich … überwältigt hat.«
Gerade wollte ich ihr vom Saal der flüsternden Bücher berichten, da kehrte Fenric mit zwei Tassen zurück. Die eine stellte er kommentarlos vor mir ab, obwohl ich gar nicht darum gebeten hatte. Aber ich fand es aufmerksam von ihm. Die andere reichte er Agnola mit einem ironischen Zwinkern.
»Ein Pumpkin-Spice-Latte mit Zimt und einem Sahnehäubchen, weich wie ein frisch ausgeschütteltes Wolkenbett. Ich dachte, das passt zu dir.«
Agnola hob nun auch die andere Augenbraue und betrachtete das dampfende Getränk mit der kunstvoll aufgeschäumten Sahne.
»Pumpkin-Spice-Latte, so, so. Für jemanden, der seit Jahrzehnten in der Unterwelt zu Hause ist, kennst du dich aber gut in der Menschenwelt aus.«
»Ich nutze jede Gelegenheit zur Weiterbildung.« Er grinste selbstzufrieden.
»Und die Tasse hier …« Sie deutete auf das Einhornmuster. »… die hast du ausgewählt, weil ich eine besondere Beziehung zu …«
Fenric brach in Gelächter aus. »Ich dachte, du magst Einhörner.«
»Wo waren wir stehengeblieben?«, fragte Agnola.
Ich antwortete nicht, ich bekam nicht einmal mit, dass sie jetzt mit mir sprach. Ich hatte ihr Wortgefecht mit Fenric interessiert und leicht belustigt verfolgt … bis zu diesem einen Satz, der mich stutzig werden ließ:
... seit Jahrzehnten in der Unterwelt …
Fenric war schon so lange hier? Vielleicht alterte man hier nicht. Aber wie schrecklich war das denn? Jahrzehnte-, vielleicht sogar jahrhundertelang von Menschen oder Wesen ohne Erinnerung umgeben zu sein. Ich stöhnte laut auf, als ich daran dachte, was mich hier erwartete. Mein Atem stockte, und meine Finger schlossen sich fester um meine Tasse.
»Emilia, geht es dir gut?«, fragte Agnola besorgt.
Ich antwortete nicht.
»Fenric hat mir die Bibliothek gezeigt«, sagte ich stattdessen. »Da waren wir stehengeblieben.«
Agnolas Blick veränderte sich augenblicklich, von besorgt zu lauernd. »Was hat er dir gezeigt?«
»Einen runden Saal. Bücher, die nicht in Regalen standen. Sie schwebten. Und sie flüsterten.«
Einen Herzschlag lang war es still.
Agnolas Gesichtszüge verhärteten sich. Sie knallte die Tasse auf den Tisch und sah Fenric böse an. »Ihr wart in der Bibliothek der verlorenen Geschichten.«
Fenric zuckte die Schultern und starrte sie ebenfalls an. Aber nicht böse, eher spöttisch. »Ich sollte ihr die Bibliothek zeigen. Du hast mir nicht gesagt, dass es Orte darin gibt, die verboten sind. Also habe ich einfach irgendwo angefangen.«
»Du hast …« Agnola schnaubte. »Dieser Saal ist tabu. Und das weißt du.«
»Kann mich mal einer aufklären, was hier los ist?«, fragte ich.
»Nein!«, kam es aus beiden Mündern gleichzeitig. Die Luft zwischen ihnen knisterte vor Spannung.
»Du überschreitest Grenzen«, sagte Agnola. »Das dulde ich nicht in meinem Reich.«
»Und was willst du dagegen tun?«, Fenric lachte. »Mich aus deinem Reich verbannen? Vielleicht nach … Ragnamar?«
Was? Ragnamar? Wie kam er darauf?
Agnolas Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. Dann wandte sie sich abrupt mir zu. »Emilia«, sagte sie. »Komm mit!« Es klang nicht wie eine Einladung.
Ich sah zu Fenric hinüber. Er nickte mit zusammengekniffenem Mund. Ich stand auf und folgte Agnola zur Tür.
»Warte!«, rief Fenric uns hinterher. »Auf welche Art wollt ihr reisen?«
Sie blickte sich um. »Durch Worte natürlich. Es ist die sicherste, schnellste und komfortabelste Art. Hast du etwas dagegen?«
»Natürlich habe ich etwas dagegen!«, fuhr er auf. »Ich bin schon ewig hier und muss jeden Weg mühsam gehen! Viele Tore sind mir verschlossen, weil die Hüter mich nicht einlassen. Und ihr gibst du die Worte einfach so?«
»Sie wird sie verstehen, im Gegensatz zu dir.«
»Dann erkläre es mir wenigstens«, fauchte er. »Ich bin hundertmal intelligenter als Emilia und trotzdem verstehe ich die Worte nicht? Da ist doch ein Trick dabei.«
»Du bekommst die Worte nicht, weil ich dir nicht vertraue, Fenric. Aus Gründen, wie sich eben gezeigt hat.«
»Aber ihr traust du?«
»Emilia mag viele Fehler haben, aber andere zu täuschen gehört nicht dazu«, antwortete Agnola ruhig. »Außerdem hat die Bibliothek so entschieden, nicht ich.«
Fenrics Blick verengte sich. »Die Bibliothek, deren Hüter ich bin?«
Ein kaum sichtbares Lächeln zuckte um Agnolas Mundwinkel. »Die Entscheidungen der Bibliothek sind unergründlich. Selbst für ihre Hüter.«
Zum ersten Mal nahm ich so etwas wie Wut und Hilflosigkeit in Fenrics Miene wahr. Er stand einen Moment reglos da, die Fäuste geballt, den Kiefer angespannt, als suche er nach einem Ausweg, einem Gegenargument, einer Kränkung, die sich in Spott verwandeln ließ.
»Und wenn Emilia mir die Worte verrät?«, murmelte er schließlich.
»Du würdest sie nicht verstehen.«
»Pah!« Er wandte sich ab.
»Sprich mir nach, Emilia!« Agnola berührte den Türrahmen und flüsterte: »Opnastu, Brunnr Annarrar Hlidar.« (Öffne dich, Brunnen der anderen Seite)
Ich wiederholte die Worte.
Die Tür öffnete sich lautlos. Agnola hatte ziemlich laut gesprochen. Ich drehte mich zu Fenric um. Seltsamerweise schien er wirklich nichts gehört zu haben. Er umklammerte seine Tasse mit dem kalten Kaffee darin und sah so verloren aus, als hätte ihm jemand etwas Wertvolles weggenommen. Auf einmal tat er mir unendlich leid.
»Fenric?«
»Ja?« Er schaute zu mir hoch.
»Danke für den Kaffee.«
»Sehr gern, Mila. Darf ich Mila zu dir sagen?«
»Nein.«
»Schade!« Er zwinkerte mir zu.
Agnola zog mich nach draußen.
