Ragnamar - Einbruch der Dämmerung
Leseprobe
Der Duft nach alten Büchern erfüllte den Raum wie ein Versprechen. Es roch düster und geheimnisvoll, schwül und modrig, nach Leim, Leder, Tinte und Papier, nach Holz und Druckerschwärze, Spannung, Abenteuer und Entdeckungsreisen in ferne Welten.
Ich liebte diesen Geruch, ich liebte einfach alles hier. Die dunklen Eichenregale in den verwinkelten Gängen, die schweren Truhen mit den Eisenbeschlägen, die hölzernen Tische und Schreibpulte, die Vitrinen, die Teppiche, die Kerzenleuchter, die Ölgemälde, den bordeauxroten Sessel mit den geschwungenen Lehnen. Und natürlich die Bücher. Endlose Reihen von Bücherwänden, die durch den hohen, zweistöckigen Saal in immer neue Nischen und Winkel führten, sodass man sich in ihnen verlieren konnte. Und auch wenn ich genug eigene Bücher besaß, zog es mich doch jeden Tag aufs Neue in die Klosterbibliothek.
Hier hatte ich wieder zu leben begonnen, mit Hilfe der Bücher und ihres Hüters, Jacob Bechstein, der ihre Geschichten zum Leben erweckte.
Dabei konnte ich ihn anfangs nicht einmal leiden, ich konnte überhaupt niemanden leiden, mich selbst eingeschlossen.
Ich stolperte über meine eigenen Beine, vermochte keinem in die Augen zu sehen und trieb mich die ganze Zeit auf dem Klostergelände herum. Zwölf Jahre alt war ich da, und ich ging nicht zur Schule, denn ich war krank.
Rosalyn, meine Mutter, arbeitete den ganzen Tag im Büro an ihren ehrgeizigen Plänen zur Umgestaltung des Klosters, in dem wir wohnten. Sie wollte eine Ferienanlage daraus machen. Florens, mein Bruder, war in einer Klinik, wo man den Ursachen seines Schweigens auf die Spur kommen wollte, und ich blieb den größten Teil des Tages mir selbst überlassen.
Manchmal begleitete mich bei meinen Ausflügen ein roter, struppiger Kater, ein Streuner, den ich nur an meiner Seite duldete, weil ihm etwas Unstetes, Heimatloses anhaftete, genau wie mir.
Alle hielten mich für einen Jungen mit meinen kurzen, dunkelblonden Haaren und den eckigen Bewegungen, den abgekauten Fingernägeln und dem mageren Körper in abgerissenen Jeans und viel zu großen Jacken, deren Kapuzen ich weit übers Gesicht ziehen und in deren Taschen ich meine Hände tief vergraben konnte, um so wenig wie möglich von mir preiszugeben.
Ich stand mir selbst im Weg, denn ich wusste nicht, wo ich eigentlich hingehörte. Alle Informationen über mich hatte ich von Rosalyn, doch ich traute ihr nicht. Woher sollte ich wissen, ob sie die Wahrheit sagte?
Emilia Fortis. Das Mädchen ohne Gedächtnis. Ich glaube, so stand es in allen Zeitungen. Emilia Fortis, das war ich.
Und was die Zeitungen schrieben, stimmte so gar nicht. Mein Gedächtnis funktionierte fast reibungslos, nur ein einziger Teil war defekt. Ein immens wichtiger. Der autobiografische Speicher. Ich hatte keine Vergangenheit, kein eigenes Leben mehr.
Emilia war aus dem Wald vom Spielen nach Hause gekommen, völlig übermüdet, hatte nicht gesprochen, nicht einmal Abendbrot gegessen, war sofort ins Bett gegangen und am nächsten Morgen ohne Erinnerungen aufgewacht. Das schrieben die Zeitungen, das erzählte Rosalyn den Ärzten und Schwestern, das erzählten die Ärzte und Schwestern jedem, der es hören wollte. Mir erzählten sie alle, dass ich Geduld bräuchte.
Aber ich wollte keine Geduld haben, ich wollte mein Leben zurück. Und je mehr ich es wollte, desto weniger bekam ich es. Jede Erinnerung, die flüchtig in meinem Gehirn aufblitzte, erlosch im gleichen Augenblick, in dem ich sie festhalten wollte. Wie eine einzelne Sternschnuppe am nächtlichen Himmel.
Rosalyn holte mich bald wieder aus der Klinik heraus und brachte mich in ein Zuhause, das ich nicht mehr kannte und das mir fremder war als alles andere. Die Klosterkirche. Rosalyn hatte sie in ein hohes, lichtdurchflutetes Apartment mit strahlenden, weißen Räumen verwandelt, in dem ich ständig Angst hatte, etwas zu beschmutzen.
In meinem Zimmer hielt ich es nicht aus, und so war ich immer unterwegs. Der rote Kater begleitete mich auf meinen Streifzügen über das Klostergelände. Er ließ sich nicht gern streicheln, aber er lief zu mir, sobald er mich erblickte, und dann folgte er mir wie ein Hund. Ich hatte ihn Diego getauft, weil er mir verwegen und furchtlos erschien, unnahbar und stolz, so wie ich gern sein wollte.
Bald kannte ich das ganze Kloster besser als jeder Architekt, jeder Planer, besser als jeder, der hier arbeitete: die dunkle Gruft mit ihren Grabnischen und Grabkammern, die Kreuzgänge mit ihren eindrucksvollen Gewölben, die hohen Hallen, die holzvertäfelten Säle, die gekuppelten Rundbogenfenster, die Deckenmalereien, die Säulen und Gurtbögen.
Und zum Schluss die Bibliothek. Als ich sie das erste Mal betrat, erschien sie mir wie ein Wunder. Bücherstapel, Wände aus Büchern, Bücherrücken. Leder- und Seidenbände, matt, schimmernd und glänzend, mit goldenen und silbernen Buchstaben bedruckt, mit Ornamenten und Mustern verziert.
Ich hatte noch nie so viele Bücher auf einmal gesehen. Bei diesem Gedanken musste ich lachen, weil er so paradox war. Ich hatte doch überhaupt keine Ahnung, was ich alles gesehen hatte und was nicht. Und doch! Ich wusste plötzlich, dass ich Bücher liebte, immer schon geliebt hatte. Es war die erste Erkenntnis, die ich wirklich festhalten konnte und wollte.
Ich liebe Bücher.
Ich lauschte dieser Eingebung hinterher und bekam plötzlich Angst, dass sie falsch sein könnte. Aber es fühlte sich so gut an.
Ich liebe Bücher.
Die erste, tragfähige Brücke, die mich mit meiner Vergangenheit verband. Ich blieb mitten im Raum stehen und wagte es nicht, einen Schritt weiterzugehen, aus Furcht, alles wieder zu verlieren. Da hörte ich Stimmen.
»Herr Bechstein, das ist meine Schatzkammer.«
Rosalyn. Sie kam im unpassendsten Moment. Und dazu mit einem lächerlichen Begleiter. Er war nicht viel größer als ich und hielt sich auffallend gerade, ein schmales Männchen mit großen Füßen, Lackschuhen, einem schwarzen Anzug und einem zerknitterten Pergamentgesicht. Er trug eine weiße Fliege um den Hals und eine Nelke von der gleichen Farbe im Knopfloch. Unter den Arm hatte er einen Regenschirm geklemmt, auf dem Kopf trug er einen steifen, abgerundeten Hut. Charlie Chaplin in alt ohne Schnurrbart. Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte.
»Emilia, steh hier nicht im Weg!«, sagte Rosalyn. »Wir wollen arbeiten. Geh woanders spielen!«
Charlie Chaplin zeigte keine Regung. Ich wollte mich nicht von meinem Platz und meiner neuen Erkenntnis vertreiben lassen. So blieb ich stehen, die Hände in den Taschen vergraben und musterte die beiden feindselig.
Rosalyn warf ihrem Begleiter einen entschuldigenden Blick zu. »Emilia kann nichts dafür, meine Tochter ist ...«
»Mutter!«, rief ich vorwurfsvoll.
»Schon gut!«, sagte der kleine Mann und wandte sich Rosalyn zu. »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Frau Fortis, für die Führung und die Einweisung. Jetzt würde ich mich gern allein umsehen. Das Mädchen stört mich nicht. Ich melde mich nachher in Ihrem Büro.«
»Wenn Sie meinen.« Rosalyn drehte sich abrupt um und ging ohne ein Wort. Ihr Abgang war bühnenreif. Schade für sie, dass Herr Chaplin ihm keine Beachtung schenkte. Er konzentrierte sich ganz auf mich und war mir auf einmal beinahe sympathisch.
»Das hätten Sie nicht tun sollen«, sagte ich. »Jetzt ist sie beleidigt.«
Er nahm seinen Hut ab und verbeugte sich. Seine Haare waren silbrig-weiß und dicht. »Jacob Bechstein. Der neue Bibliothekar. Und wer sind Sie, schöne Dame?«
Er lächelte und knitterte dabei ein paar neue Falten in sein Gesicht. Aber seine hellen, blauen Augen funkelten übermütig wie die eines kleinen Jungen. Wollte er mich verspotten?
Ich beschloss, ihn nun doch nicht sympathisch zu finden. »Sie wissen, wer ich bin. Das hat meine Mutter Ihnen vorhin gesagt. Und ich bin nicht schön. Meine Mutter ist schön. Das weiß jeder.«
Ich biss mir auf die Zunge. Und doch. Was gesagt werden musste, musste gesagt werden. Mir war es schon in der Klinik aufgefallen, als die Ärzte dauernd um Rosalyn herumgetanzt waren. Frau Fortis hier und Frau Fortis da. Und die zwei Wochen zu Hause hatten meinen Eindruck bestätigt. Ständig gingen Leute bei uns ein und aus, um die Architektin und ihr Projekt »Altes Kloster« zu bewundern und ihr ihre Hilfe anzubieten. Es waren ausnahmslos Männer, und es ging immer nur um sie: Rosalyn mit ihren schmalen, weißen Händen und dem schlanken, zarten Leib, den sie in lange, fließende Gewänder hüllte. Rosalyn mit ihrem makellosen, klassischen Gesicht, als wäre es in Marmor gemeißelt. Ein Kunstwerk. Zu schön, um wahr zu sein. Sie wickelte jeden um den Finger, der das Pech hatte, sie kennenzulernen.
»Sie ist eine Mogelpackung«, erwiderte Jacob Bechstein. »Ein Groschenroman, der sich als Prachtband verkleidet.«
Ich starrte ihn an, wahrscheinlich mit offenem Mund, denn er brach urplötzlich ab und musste über sich selbst lachen. »So, unsere Vorstellungsrunde ist jetzt wohl hinfällig geworden, Emilia Fortis. Nenn mich Jacob, wenn du magst, und lass uns an die Arbeit gehen oder lass mich allein. Das hier ist nämlich wirklich eine Schatzkammer. Und du liebst Bücher genau so sehr wie ich, das sehe ich dir an.«
Da war er wieder, dieser Satz. Jacob Bechstein hatte recht. Ich liebte Bücher. Rosalyn nicht. Sie wollte die Bibliothek verkleinern. Jacob hatte die Aufgabe, ihre Büchersammlung zu verwalten, sodass die meisten Exemplare davon nach und nach mit größtmöglichem Gewinn verkauft werden konnten. Nur die wertvollsten Bände sollten bleiben, damit spätere Gäste sie hinter Glas bewundern konnten.
»Aber damit lassen wir uns schön Zeit, nicht wahr?«, meinte Jacob. Und da war es wieder: das übermütige Funkeln in seinen hellen Augen.
Sie strahlten so blank wie die von Florens, meinem kleinen Bruder. Er kam wenig später aus der Klinik zurück, und er sprach immer noch kein einziges Wort. Florens, sieben Jahre alt, und der erste Fixpunkt im undurchdringlichen Dickicht meiner verlorenen Erinnerungen, mein Leitstern. Denn an ihn erinnerte ich mich, erinnerte mich an seine weichen, blonden Haare, seine dichtbewimperten Augen, sein strahlendes Lächeln, daran, dass er mein Bruder war.
Wenn ich wütend auf Rosalyn war, auf die Welt oder auf mich, dann schaute er mich mit seinen honigfarbenen Augen an, hob die Brauen, formte mit seinen Händen ein Herz und umarmte mich dann fest. Wir waren ein Geschwisterpaar wie aus dem Bilderbuch. Auch das verband uns, die Liebe zu Büchern. Wenn ich ihm vorlesen sollte, formte Florens mit den Handflächen ein Buch und fuhr mit dem Finger imaginäre Zeilen entlang.
Das Vorlesen wurde zu einem festen Ritual, wenn ich aus der Schule kam. Danach hatte er oft noch Termine bei diversen Ärzten und Heilpädagogen, zu denen Rosalyn ihn schleppte. Ich ging dann zu Jacob in die Bibliothek.
Die Ehrfurcht vor den alten Büchern blieb, aber ich hatte mittlerweile keine Scheu mehr vor ihnen. Ich fasste sie an, nahm sie aus den Regalen, blätterte in ihnen. Jacob brachte mir den fachgerechten Umgang mit ihnen bei und wies mich in die Aufgaben eines Bibliothekars ein. Wir entfernten den Staub von ihnen, wischten Regale aus, fetteten Leder, glätteten Papier, entfernten Flecken, besserten kleine Mängel aus, sortierten, ordneten neu ein. Immer wieder entdeckten wir wahre Schätze und blätterten in den alten Schriften. Jacob brachte mir bei, wie man sie las. Eine ganze Welt tat sich auf, in der es nur so wimmelte von fremden Göttern und Fabelwesen, unheimlichen Kreaturen und fantastischen Ländern.
Wir bezwangen mit Gilgamesch und Enkidu zusammen den wilden Humbaba und besiegten mit Siegfried den Drachen. Wir segelten mit Jasons Argonauten auf der Suche nach dem goldenen Vlies um die Welt. Wir kämpften an Beowulfs Seite gegen das mordlüsterne Ungeheuer Grendel und mit Dietrich überlisteten wir den Zwergenkönig Laurin.
Am liebsten aber waren mir die alten Märchen. Schneewittchen, Frau Holle, Dornröschen, der gestiefelte Kater. Seltsamerweise fühlte ich mich in ihnen am meisten zu Hause, als würde ich in alten Erinnerungen blättern.
Märchen wohnte ein Versprechen inne, das ich mir so sehnlichst für meine eigene Welt wünschte. Ein Wunder konnte jederzeit passieren, ohne dass man darum kämpfen musste. Man musste manchmal nur geduldig warten, und schon verschwand alles Ungerechte und Böse aus der Welt.
Ein einziges magisches Wort oder eine Zauberformel konnte alles verändern. Bricklebrit, Zicklein meck, Tischlein deck, Bäumchen, rüttle dich und schüttle dich, wirf Gold und Silber über mich!
Irgendetwas sagte mir, dass ich all die magischen Sprüche, die nicht in den Märchenbüchern standen, auch einmal gekannt, aber irgendwann verloren hatte. Dass sie tief in mir schlummerten und nur darauf warteten, neu entdeckt zu werden.
Wir lasen nicht immer stumm nebeneinander her, oft taten wir es auch gemeinsam, anfangs las Jacob vor, dann immer öfter ich. Später rezitierten wir ohne Vorlage aus den Büchern. Ich konnte bald ganze Textpassagen auswendig sprechen wie Gedichte.
»Weißt du, dass du ein unglaubliches Gedächtnis hast?«, fragte Jacob. »Und eine wunderschöne Stimme. Sie klingt weich und melodiös, und sie wärmt das Herz. Du wirst viele Menschen damit in den Bann ziehen.«
Mein Leben fing nachmittags an, in der Bibliothek bei Jacob Bechstein. So ging das eine lange Zeit, und es hätte immer so bleiben können. Aber das wäre wahrscheinlich zu schön gewesen.
