Die Stunde der Feen - Fall einer Göttin
Leseprobe
Romero sattelte sein Pferd. Blizzard war zwar keine Schönheit, aber ein kraftvolles, ausdauerndes Ross. Schnell und wendig. Ein Donnerhuf.
Es genoss einen legendären Ruf, nicht nur unter Freunden, sondern auch unter den Feinden – vor allem dort. Genau wie sein Besitzer. Beide, Romero und Blizzard, verwandelten sich auf dem Schlachtfeld in einen wirbelnden Sturm aus Eis und Schatten und lichteten die Reihen ihrer Gegner schneller als ein Tornado. In etlichen Schlachten waren sie gemeinsam geritten, hatten gemeinsam gekämpft und Ruhm erworben.
Aber jetzt war Romero müde. Er hatte in den letzten Tagen zu wenig geschlafen, zu viele Grausamkeiten gesehen, zu viele Schreie gehört. Seine Arme waren schwer, während er den Sattel festzurrte, und sein Rücken schmerzte von der Anstrengung der letzten Tage.
Dazu die Trauer um Hershel, seinen Freund, der im Kampf um die askerische Metropole Aetheria gefallen war. Ausgerechnet jetzt, da die Askerier schon ihre Bereitschaft zur Kapitulation signalisiert hatten.
Romero war neben ihm geritten, als die Klinge aus dumarischem Stahl sich durch Hershels Brust gebohrt hatte. Er war mit seinem Freund so schnell es ging, ins Zelt der neuvonischen Heiler geritten, aber jede Hilfe kam zu spät. Hershel starb in Romeros Armen. Doch bevor er seine Augen für immer schloss, zog er seinen schweren goldenen Ring vom Finger und reichte ihn Romero. Der Ring trug ein Wappen mit einem Schwert und vier Namen, die um dieses Schwert herum eingraviert waren: Bennard, Volantes, Jörmen, Hershel.
„Der Ring des Bruderbundes.“ Hershels Stimme brach. „Sieh, mein Name verschwindet schon.“
Er hatte recht. Romero nahm mit Erschrecken wahr, wie der Name Hershel Buchstabe für Buchstabe auf dem Ring verblasste. „Bring ihn ins Praetorium und nimm meinen Platz dort ein!“
„Deinen Platz?“
„Mein Bruder!“ Hershel lächelte und schloss die Augen für immer. Romero blieb neben ihm sitzen und starrte minutenlang auf den leblosen Körper seines Freundes. Dann wischte er sich entschlossen die Tränen aus dem Gesicht, die er nicht hatte zurückhalten können. Hershel sollte sich auch im Tod nicht für ihn schämen. Wie hatte er immer gesagt? „Der Schmerz eines Kriegers gehört ihm allein – er zeigt keine Schwäche und erfüllt seine Pflichten, auch wenn es wehtut.“
Romero wog den Ring in der Hand, den jetzt nur noch drei Namen zierten. Den ersten Auftrag - bring den Ring ins Praetorium! - hatte er verstanden. Das Praetorium war der Versammlungsplatz der neuvonischen Kriegs- und Rachegötter und ihres obersten Gottes und Kriegsherrn Omnipot. Dort trafen sich auch die Krieger des Bruderbundes, dem Hershel bis eben noch angehört hatte. War sein Name auch auf ihren Ringen verblasst? Würden sie so von dem Tod ihres Bruders erfahren?
Natürlich musste Romero den Ring seines Freundes ins Praetorium bringen, das war er ihm schuldig. Doch warum sollte ausgerechnet Romero seinen Platz einnehmen? Und was bedeutete das für ihn?
Nun, er würde es bald herausfinden. Jetzt musste er erst einmal aufbrechen. Romero schwang sich auf sein Pferd und preschte los. Der Weg zum Praetorium war nicht weit, wenn man auf dem Rücken eines Donnerhufes saß, der im Wirbelsturmgalopp durch die Lüfte jagte, so, wie Blizzard es tat.
Schon von Weitem erblickte er die schwarze Ruhmeshalle, in die Hershel nun bald einziehen würde, so wie alle Krieger, die ehrenvoll im Kampf gefallen waren. Diese Halle war ein Ort für die Toten, kein Lebender hatte dort Zutritt.
Das Praetorium dicht neben der Ruhmeshalle war nur Auserwählten zugänglich. Romero trug Hershels Ring. Ob das genügte, um Einlass zu erlangen?
Ein Tor aus grauem, verwittertem Stein, das wie ein düsteres Monument hoch aufragte, führte in die heilige Stätte. Es wurde von vier Vergen bewacht, Wächtern mit vier Armen, vier Flügeln und vier Köpfen, die in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig blicken konnten. In jeder Hand trugen sie ein Schwert.
„Du wirst schon erwartet“, sagten sie alle vier gleichzeitig, als Romero den Ring zeigte.
Also wussten sie es bereits.
Ein dunkles Loch öffnete sich in dem Tor, wie der Schlund eines Ungeheuers. Blizzard scheute kurz, Romero klopfte ihm beruhigend auf den Hals. Dann ritten sie hinein.
Das Praetorium war zu allen Seiten hin offen, seine Decke und die Wände verschwammen in einem mystischen Nebel. Hohe Bäume umringten eine Plattform mit einem runden Tisch aus schwarzem Granit. Vier Männer standen dort über eine große Karte gebeugt. Einen von ihnen erkannte Romero sofort. Omnipot, den Heerführer der Neuvonen und größten der Anwesenden. Sein Gesicht war von Narben gezeichnet und wirkte verzerrt.
Romero führte sein Pferd an einen Baum und band es dort fest. Jetzt erst schienen die vier ihn zu bemerken und hoben den Blick. Als er auf den Tisch zuging, erkannte er nach und nach auch die anderen: Volantes, Bennard und Jörmen. Hershel hatte oft von ihnen gesprochen und sie dabei beschrieben. Volantes, den dunklen, scharfäugigen Strategen, der jeden seiner Angriffe taktisch vorbereitete, Jörmen, der mit seinem blonden Haar und den stahlblauen Augen fast wie ein Engel aussah, aber im Kampf keine Gnade kannte, Bennard, den muskelbepackten Krieger mit dem zotteligen, grauen Haar.
„Willkommen, Krieger!“, begrüßte ihn Omnipot. „Du bringst schlechte Nachrichten?“
Romero kniete nieder, senkte den Kopf und streckte ihm Hershels Ring entgegen.
„Romero Montero aus Malantau“, sagte er ehrfürchtig. „Ich überbringe den Ring meines Kameraden Hershel, der heute in der Schlacht um Aetheria gefallen ist.“
„Die Schlacht endete siegreich“, erwiderte der Heerführer. „Hershel hat sich großen Ruhm erworben, so wie du, Romero aus Malantau. Du musst vor mir nicht niederknien. Steh auf, Krieger, und stell dich zu uns, damit wir gemeinsam auf euren Bruder anstoßen können.“ Noch während er sprach, füllte sich der Tisch mit Bechern und einem Krug voller goldgelbem schäumendem Gerstensaft.
Bennard goss jedem von ihnen ein. Dann hoben sie die Trinkgefäße.
„Erheben wir unsere Becher auf Hershel, unseren Bruder, der ehrenvoll in der Schlacht gefallen ist. Möge er in Frieden ruhen und für immer in unseren Herzen bleiben.“
„Ich kenne dich, Romero aus Malantau“, sagte Omnipot, als sie die Becher abgesetzt hatten. „Mit vierzehn Jahren bist du in die Armee eingetreten und mit deinen mittlerweile achtzehn Jahren der jüngste meiner Elitekrieger. Du bist tollkühn und furchtlos, in jeder Schlacht ganz vorn mit dabei, dein Ruf ist tadellos, und du hast fast alle Orden bekommen, die die neuvonische Armee zu verleihen hat.“
„Woher wusstet ihr, dass ich komme“, fragte Romero, „und wer ich bin?“
„Die Ringe des Bruderbundes haben uns davon erzählt“, erwiderte Omnipot. „Wir haben uns heute hier versammelt, um Hershel zu ehren und seinen Nachfolger zu berufen.“
„Ist das nicht zu viel der Ehre?“, fragte Jörmen. „Er sieht aus wie ein Junge, nicht wie ein Krieger, mit seinem schwarzgelockten Haar, der schmächtigen Statur und der Haut eines Babys. Er kann Hershel nicht das Wasser reichen.“
Romero zuckte zusammen. Durfte Jörmen so respektlos mit Omnipot, dem obersten aller Götter, reden? Ohne eine Strafe zu fürchten?
Omnipot musste seine körperliche Reaktion bemerkt haben, denn er lächelte ihn an. „Fürchte dich nicht, wenn du zum Bruderbund gehören willst, Romero, auch nicht vor mir. Die hier stehen, sind meine engsten Berater. Jasager und Schmeichler nutzen mir nichts, wenn ich die Welt erobern will. Also“, er wandte sich ab, „Volantes, was meinst du?“
„Hershel hat ihn zu seinem Nachfolger bestimmt. Diesen, seinen letzten Wunsch, sollten wir respektieren“, warf Volantes ein.
„Und du, Bennard?“
„Ich richte meinen Blick nie auf das Äußere eines Kriegers, denn seine Fähigkeiten offenbaren sich im Kampf. So hat es auch Hershel gehalten. Ich vertraue seinem Urteil.“
„Sehr weise gesprochen!“, beendete Omnipot die Diskussion. „Der Bruderbund besteht aus meinen besten vier Kriegern, so ist es Tradition. Jeder bestimmt seinen Nachfolger selbst, Hershel wusste, was er tat. Romero wird sein Vermächtnis fortführen. Aber zunächst einmal wird er eine Probezeit absolvieren, so wie jeder von euch. Wir brauchen ihn für unsere nächste Mission. Also, seid ihr alle bereit, ihm euer Vertrauen zu schenken?“
Die drei Krieger nickten, auch Jörmen.
„Bist du bereit, Romero, dem Bruderbund beizutreten?“
Romero spürte einen Kloß in seinem Hals. Am liebsten hätte er sich auf Blizzard geschwungen und wäre davongeritten, weit, weit weg auf das Schlachtfeld zurück. Was hatte Hershel nur in ihm gesehen?
Doch dann dachte er an die Worte seines Freundes: „Je größer der Mut, umso größer die Verantwortung, der man sich stellen muss.“
Romero hatte sich noch nie vor einer Aufgabe gedrückt. Er nickte.
Jörmen trat vor und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir haben von deiner Hingabe und deinem Mut gehört und sind stolz darauf, dich als unseren Bruder an unserer Seite zu haben. Wir werden die Aufnahmezeremonie später nachholen, wenn wir von unserer nächsten Mission zurückgekehrt sind und du deine Probezeit erfolgreich bestanden hast. Willkommen in unserem Bruderbund, Romero! Steck deinen Ring an den Finger!“
Romero betrachtete den Ring. Sein Name stand nun dort, wo zuvor Hershels gestanden hatte.
„Ehre und Treue bis in den Tod!“, sagte Jörmen.
„Ehre und Treue bis in den Tod!“, wiederholten Volantes und Bennard und schlugen die Fäuste aneinander.
„Gut!“, sagte Omnipot. „Du, Romero, gehörst nun zum Bruderbund und bist einer meiner Vertrauten. Du kannst frei und offen nicht nur mit meinen Brüdern, sondern auch mit mir reden.“ Er wandte sich nun den Karten auf dem Tisch zu. „Die Askerier, unsere Feinde, haben heute nicht nur ihre letzte Metropole, sondern den Krieg verloren. Wir haben ihr Kapitulationsangebot gestern erhalten und lassen sie in fünf Tagen in ihren heiligen Hallen den Friedensvertrag unterschreiben.“
„Friedensvertrag?“, fragte Jörmen spöttisch.
„So nennen wir es offiziell“, bestätigte Omnipot. „Natürlich geht es um die bedingungslose Kapitulation. Die Askerier sind dazu bereit.“
„In fünf Tagen?“ Volantes klang nachdenklich. „Ist das nicht …?“
„Die Prophezeiung!“, platzte Bennard heraus.
„Genau.“ Omnipot nickte. „Am Tag, der den Friedensvertrag zwischen Neuvonien und Askerien besiegelt, wird Terrent, eine askerische Göttin, die bis dahin im Verborgenen lebte, den obersten Heerführer und Gott der Neuvonen töten. Dieser Gott und Heerführer der Neuvonen bin ich.“
„Die Prophezeiung ist ein Mythos, an den die Askerier sich klammern, oder?“, überlegte Volantes.
„Sie haben vor einem Monat ein Messer aus dumarischem Stahl bei den Sternenschmieden in Auftrag gegeben“, entgegnete Omnipot.
„Können wir die Verhandlungen nicht verschieben?“, fragte Jörmen. „Es könnte eine List der Askerier sein. Die Prophezeiung besagt ja auch, dass Terrent diese frevlerische Tat an ihrem siebzehnten Geburtstag begeht. Wenn wir also später …“
„Wieviel später?“, unterbrach Omnipot schroff. „Weißt du denn genau, wann ihr siebzehnter Geburtstag ist? Außerdem sind es keine Verhandlungen. Die Askerier unterschreiben eine Kapitulationsurkunde, die ich vorbereite. Sie unterwerfen sich vollständig meiner Macht und Autorität, ohne Bedingungen zu stellen. Vielleicht ist es eine List, aber die Welt sehnt sich nach Frieden, und ich kann ihn ihr bringen. Ich werde nicht warten, bis die Askerier es sich anders überlegen. Und glaubst du ernsthaft, ich lasse mich von einem lächerlichen Hokuspokus aufhalten, den die Askerier verbreiten?“
„Ich stimme zu, wir glauben nicht an die Prophezeiung“, pflichtete Bennard ihm bei. „Sie taucht im heiligen Buch der Askerier auf, das ist wohl wahr. Aber ihr Urheber ist unbekannt. Niemand weiß, wie es dazu gekommen ist.“
„Trotzdem sollten wir vorsichtig sein und uns auf die Suche nach der angekündigten Meuchelmörderin machen“, gab Jörmen zu bedenken. „Wenn sie denn existiert.“
„Ein guter Vorschlag!“, stimmte Bennard zu.
„Romero, was meinst du?“
Romero zuckte zusammen. Er war nicht darauf vorbereitet, nach seiner Meinung gefragt zu werden, und grübelte immer noch darüber nach, ob er der Richtige für den Bruderbund war. Er hatte im Laufe seines jungen Lebens so viele seiner Kameraden sterben sehen, aber Hershels Tod beschäftigte ihn mehr als die vielen Tode zuvor. Als hätte er ihn von einem Moment zum anderen verändert.
Seit er in die Armee eingetreten war, kannte Romero nichts anderes als Krieg, nichts anderes als Freund und Feind, Gewalt und Zerstörung. Es gehörte zu seinem Leben dazu wie trinken, essen und atmen.
Aber hier unter den Bäumen, die vom Nebel umschlossen waren, musste er auf einmal an seine Heimat denken. An seine Kindheit in Malantau, einer unbedeutenden Provinz Neuvoniens, wo das Leben hart und rau, aber friedlich war. Er hatte den Krieg und das Töten so satt.
„Ich bin für den Vertrag, so schnell wie möglich“, sagte er laut. „Wenn wir bei der Suche nach Terrent helfen sollen, bin ich dabei.“
„Gut gesprochen, Krieger“, sagte Omnipot. „Terrent finden, aufspüren und eliminieren, sollte sie tatsächlich existieren, das wird eure nächste Mission sein, Brüder!“
