Ragnamar - Im Reich der Nachtschatten
Leseprobe
Das Tal sah aus wie ein stilles grünes Meer, aus dem der Weiße Palast wie schimmernder Meerschaum aufragte.
Wie eine Burg bot er seinen Bewohnern Schutz und Heimat. Es gab Häuser, einen Markt, Stallungen, Felder, Gärten und kleine Handwerksbetriebe, alles in Weiß gehalten. All das war der Weiße Palast. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass er sich um einige Gebäude vergrößert hatte.
Sein Weiß war ein besonderes, ein friedliches Weiß. Etliche Farbtupfer verliehen ihm Wärme: Blumen, Girlanden, Wandfriese und die Menschen, die geschäftig ihrem Tagwerk nachgingen und bunt und farbenfroh gekleidet waren.
»Welch magischer Ort
von Mythen belebt,
aus Licht und Magie
wird ein Märchen gewebt.«
Ich schaute Ysen an, als sähe ich ihn zum ersten Mal. Mit seinen schwarzen, wirren Haaren, deren Strähnen tief in sein Gesicht hingen, und den leuchtenden Augen, mit denen er auf den Weißen Palast hinuntersah, wirkte er, als sei er selbst einer alten Sage entsprungen.
»Hast du dir das ausgedacht?«
Er nickte. »Es ist der Anfang eines Liedes.«
»Es ist zauberhaft. Kannst du es mir vorsingen?«
»Noch nicht. Ich arbeite noch daran.«
»Du hast eine schöne Stimme«, sagte ich. »Dein Lied von dem Schneewittchenapfel vorhin hat mir richtig gut gefallen.«
»Ich bin ein Barde, schon vergessen? Ich muss eine gute Stimme haben, sonst hört mir keiner zu.« Es klang, als sei das keine große Sache, aber die Freude über mein Lob war ihm anzusehen. »Magst du meine Hand beim Abstieg nehmen?«
Ich nickte, obwohl ich keine Hilfe brauchte. Aber ich wollte gern wissen, wie sie sich anfühlte, die Hand eines Barden. Sie war fest und kräftig, gar nicht wie die eines Jungen, eher eine Männerhand. Einen Augenblick lang stellte ich mir vor, es sei Crispin, mit dem ich Hand in Hand den Berg hinablief.
»Du hast aber auch eine besondere Stimme«, sagte Ysen plötzlich. »Hat dir das schon mal jemand gesagt?«
Ich zuckte zusammen. Es kam mir vor, als hätte er mit Absicht eine alte Wunde aufgerissen. Vor langer Zeit war mir das tatsächlich einmal gesagt worden, als ich noch unsicher gewesen war und meine Vergangenheit sich hinter dichten Nebelschleiern verborgen hatte. Sie klingt weich und melodisch, das waren Jacobs Worte gewesen. Und Crispin? Er hatte sie mit einem Instrument verglichen, dem jemand Leben eingehaucht hatte. Wollte ich Ysen davon erzählen? Nein, es tat zu weh.
»Mir ist, als hätte ich sie schon einmal gehört.«
Ich ließ Ysens Hand los. Ich wusste nicht, ob er es ernst meinte oder sich über mich lustig machte, aber er kam mir eindeutig zu nahe.
»Wo ist dein Instrument?«, fragte ich.
Er sah mich erstaunt an. »Zu Hause. Ich nehme es nicht mit auf die Jagd.«
Auf die Jagd, klar. Ysen war nicht nur Barde, er war auch ein Wolf.
Immer noch wirkte er verwundert. »Ich bin vor langer Zeit mal einem Mädchen begegnet. Das sah aus wie du. Warst du das?«
Was für eine merkwürdige Frage! »Bestimmt nicht.« Ich lachte etwas gezwungen.
Wir hatten mittlerweile die Berge hinter uns gelassen und den Königswald erreicht, der die Mauern des Weißen Palastes umgab.
»Und du?«, fragte ich. »Wo kommst du her?«
»Aus dem Wald hinter den Gläsernen Bergen«, sagte er. »Als meine Eltern vor neun Jahren gestorben sind, bin ich in den Palast gezogen.«
»Vor neun Jahren?«, fragte ich erstaunt. »Du wohnst seit neun Jahren im Weißen Palast?«
»Ja.« Er sah mich mindestens ebenso erstaunt an. »Was ist daran so ungewöhnlich?«
»Nichts«, sagte ich und beschloss, der Sache später auf den Grund zu gehen. Ich war froh, mit seiner Hilfe so weit gekommen zu sein.
Ysen sah mich immer noch prüfend an. Dann schüttelte er den Kopf, als hätte er sich geirrt.
»Du sprichst nicht gern über dich.«
»Nein.« Hitze stieg in mir auf. Hoffentlich hatte ich jetzt keinen roten Kopf.
Schweigend liefen wir weiter. Es schien, als seien wir uns nach einer Phase großer Vertrautheit auf einmal fremd geworden, als wäre zwischen uns etwas Peinliches geschehen. Dabei kannten wir uns doch so gut wie gar nicht.
Wir passierten die Wachposten an den Mauern. Sie schienen Ysen zu kennen und stellten keine Fragen, obwohl sie mich prüfend musterten.
Überall, wo wir auf unserem Weg jemanden trafen, wurden wir interessiert beäugt und angesprochen und begrüßt von allen Seiten. Ein paar Hofdamen, die vorbeigingen, erröteten, als sie uns sahen. Sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Gefühlt jeder klopfte Ysen auf die Schulter oder wechselte ein paar Worte mit ihm. Gut, dass es hier keine Smartphones gab. Ysen schien bekannt und beliebt wie ein Rockstar zu sein. Natürlich. Er war ja ein Barde. Barden waren vielleicht die Rockstars Ragnamars.
Ich versuchte, ein bekanntes Gesicht zu entdecken, jemanden, der mir vertraut war, dem ich vertraut war, doch es gab niemanden.
Einmal glaubte ich, einen roten Kater vorbeihuschen zu sehen, der wie Diego aussah. Doch er war so schnell verschwunden, dass ich mir nur verwundert die Augen rieb. Wahrscheinlich ein Wunschtraum!
Wir durchquerten den märchenhaften Schlosspark mit dem Wunderbrunnen, den Perlschnurbäumen und den flüsternden Purpurmalven und standen schließlich vor dem Portal, dessen reliefartige Verzierungen rot aufleuchteten, als wir näher traten. Dort standen keine Posten.
»Es ist ein Wachportal«, erklärte Ysen. »Es öffnet sich automatisch, wenn es dich erkennt. Ein Zauber verhindert, dass Unbekannte in den Palast eindringen.«
Ich klopfte an. Nichts passierte. Das Tor blieb verschlossen.
Seltsam! Ich war im Weißen Palast aufgewachsen. Ich hatte Ragnamar gerettet. Und doch fühlte sich alles so fremd an. Niemand erkannte mich. Dabei war das doch gar nicht so lange her, oder?
»Du brauchst eine Erlaubnis«, sagte Ysen. »Das Schloss springt nur auf, wenn es dich erkennt. Scheinbar bist du hier eine Fremde.«
»Und du? Hast du die Erlaubnis?«
»Klar!« Er grinste. »Mir stehen alle Türen hier offen. Frag mich!«
»Was soll ich dich fragen?«
»Ob ich dir vertraue. Ob ich dir die Tür in den Weißen Palast öffne.«
Beinahe hätte ich mit den Augen gerollt. Ich verkniff es mir im letzten Moment. Er konnte nichts dafür, dass ich mich hier nicht mehr zurechtfand. Und schließlich hatte ich es ihm zu verdanken, dass ich so schnell hierhergekommen war.
»Nun gut, vertraust du mir? Öffnest du mir die Tür in den Weißen Palast?«
Ysen lächelte zufrieden und legte seine Hand an das Portal. Es öffnete sich knarrend. Wir traten ein.
»Voilà, der Weg zum Thronsaal!«
Ich blieb stehen und blickte Ysen an. »Ist Denna dort? Hält sie …?«
Er nickte. »Audienz. Wie an jedem Vormittag. Die Schlange der Bittsteller reißt nicht ab.«
Der lange, hohe Gang war gesäumt von riesigen Statuen aus weißem Marmor. Es waren zwölf Frauen in langen, fließenden Kleidern. Sie wirkten wie Göttinnen, unnahbar, makellos und wunderschön, und auf einmal ergriff mich eine unerklärliche Scheu.
»Komm schon!« Ysen griff nach meiner Hand, diesmal, ohne zu fragen, und ich ließ es zu. Meine Gedanken überschlugen sich, während wir Hand in Hand Richtung Thronsaal schritten. Mir gingen die neun Jahre nicht aus dem Kopf. Neun Jahre, die Ysen mit Canis im Weißen Palast verbracht hatte. Und er konnte sich nicht an mich erinnern? Und ich? Wie lange war ich fort gewesen?
Schon von Weitem hörte ich den Lärm. Vor der Tür zum Thronsaal zögerte ich erneut. Mit Schrecken erinnerte ich mich an den Moment, als Rosalyn hier residiert hatte, ganz in Schwarz gehüllt, unnahbar und kalt, mit Florens auf ihrem Schoß.
Ysen stieß die Tür auf.
Eine lange Reihe von Bittstellern wartete darauf, vorgelassen zu werden, und natürlich waren sie dabei nicht besonders leise. Im Gegenteil. Sie waren in lebhafte Gespräche vertieft, hatten Decken ausgebreitet und Picknickkörbe ausgepackt. Kinder tobten durch den Saal.
Es war eine bunte Mischung aus Bauern, Händlern, Handwerkern, aber auch Zwergen, Gnomen und Haulemännchen, Kobolden und Trollen. Zwei Nymphen sah ich und einen Schrat.
Die Wachen, die überall postiert waren, hatten alle Hände voll zu tun, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Eine Brücke aus Schleierwolken führte zu einem gläsernen Thron, der von der aufgehenden Sonne vergoldet wurde. Dahinter schien der Saal offen zu sein und der Weg direkt ins Freie, in eine morgendliche Welt, zu führen.
Denna war in ein weißes Kleid gehüllt, das bis auf den Boden floss. Der Sockel, auf dem ihr Thron stand, war aus Kristall und hatte zwölf Stufen.
Ein Bärenhäuter und ein Mädchen mit einem schwarzen, geflochtenen Zopf standen vor Denna und sprachen mit ihr. Denna hörte geduldig zu.
Neben ihr saß ein hübsches Mädchen in einem weißen Kleid, das mit Rosen bestickt war. Sie hatte pinkfarbenes Haar und musste ungefähr in meinem Alter sein, wahrscheinlich Dennas Assistentin. Sie saß in einem rot gepolsterten Stuhl aus Nussholz mit aufwändigen Schnitzereien. Die Armlehnen endeten in geschnitzten Löwenköpfen.
Es war mein Ratsherrenstuhl aus dem Kloster, in dem ich so oft gesessen und Florens vorgelesen hatte. Samantha hatte ihn damals gefunden. Jetzt fragte ich mich, wo.
Etwa hier? In Ragnamar? Eine Erinnerung tauchte auf. Auch ich hatte Denna früher assistiert, hier auf diesem Stuhl.
Der Bärenhäuter und das Mädchen waren fertig. Ein anderes Paar erklomm die Stufen. Dennas Blick schweifte kurz ab ins Publikum und blieb an mir hängen. Sie erstarrte.
Das Paar, ein Hutzelweibchen und ein Hutzelmännchen, begann zu sprechen, beide gleichzeitig, wie es schien. Doch Denna hörte sie nicht. Sie sprang auf und tat einen Schritt nach vorn. Dann besann sie sich eines Besseren, wandte sich zurück, beugte sich zu ihrer Assistentin herunter und flüsterte mit ihr.
Nun setzte sich das Mädchen auf den Thron und übernahm Dennas Aufgabe. Sie sprach mit dem Hutzelpaar und wirkte so selbstsicher, als hätte sie nie etwas anderes getan.
Jetzt erst bemerkte ich, dass sich alle in der Warteschlange zu mir umgedreht hatten und mich anstarrten.
Da war Denna bereits die Stufen hinuntergeeilt und lief mir entgegen. Ich ließ Ysens Hand los.
Wir trafen uns in der Mitte des Saales, Denna und ich, und fielen uns in die Arme. Ich spürte, wie ihr Licht in mich hineinströmte, hell und warm. Aber da war noch etwas anderes, ein unruhiges Flackern.
Plötzlich ließ Denna mich so unvermittelt los, als wollte sie mich von sich stoßen. Ich taumelte zurück.
»Du bist … noch so jung«, stieß sie hervor.
»Du doch auch«, erwiderte ich, da fiel mir schon ein, dass das etwas ganz anderes war. Als Regentin von Ragnamar konnte Denna nicht altern, im Gegensatz zu mir.
Und doch. Bei genauem Hinschauen bemerkte ich Ringe unter ihren Augen und erste kleine Fältchen um den Mund herum. Woher kam das?
Denna sah mich misstrauisch an. »Komm, Mila, wir müssen uns unterhalten. Aber nicht hier.« Bei diesen Worten zog sie mich durch eine Nebentür.
Das Zimmer, in das sie mich führte, erinnerte mich an den Wald, aus dem ich gekommen war. Es roch nach Moos und Tannennadeln, alles war grün. Es fühlte sich an, als würde ich über einen Waldboden laufen. Wasser sprudelte in Kaskaden über die Wände nach unten, und eine kleine Quelle plätscherte mitten durch den Raum.
In der Mitte stand eine riesige Esche. Ihre Krone nahm die gesamte Zimmerdecke ein, und ihre Zweige mit den immergrünen Blättern hingen weit herab. Darunter stapelten sich Säcke, Körbe, Beutel.
»Sind das Geschenke?«, fragte ich.
Wieder sah Denna mich verwundert an. »Das ist der Gabenbaum. Viele meiner Besucher bringen Geschenke zur Audienz mit. Sie werden hier abgelegt und abends an Bedürftige verteilt. Erinnerst du dich nicht daran?«
»Meine Erinnerungen sind eigenartig«, gab ich zu.
Vor der Esche stand ein runder Tisch. Er sah aus wie eine versteinerte Baumscheibe, die von dicken Ästen gestützt wurde. Vier hochlehnige Stühle, ebenfalls aus poliertem, versteinertem Holz, standen davor.
»Setz dich!«, sagte Denna. Dann summte sie eine kleine Melodie. Ein Krug und zwei Gläser schwebten von der Decke herab auf den Tisch. Denna schenkte ein. »Erzähl mir von deinen Erinnerungen«, forderte sie mich auf. »Was ist daran eigenartig?«
»Manche sind stark, manche schwach, an vieles kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Als würde ich in einem dunklen Raum stehen und ab und zu flackern Lichter auf und erhellen einzelne Punkte in diesem Raum. Manche Lichter bleiben, andere verlöschen. Und manchmal tauchen Schatten an den Wänden auf, die nicht echt sind.«
»Falsche Erinnerungen?«, fragte Denna.
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.«
»Wo bist du denn gewesen in dieser langen Zeit, Mila? Du bist einfach fortgegangen, ohne dich zu verabschieden. Wir haben das Schlimmste befürchtet. Und jetzt kehrst du zurück, als sei nichts passiert.«
Ich sah Denna an und wusste auf einmal, dass es ihr nicht um meine Erinnerungen ging, sondern um etwas anderes, das ich nicht fassen konnte. Als hätte ich sie verletzt.
»Rosalyn hat dich an die Hand genommen, und du bist mit ihr fortgegangen. Ohne ein Wort des Abschieds. Sie ist tot. Und du? Warum bist du zurückgekehrt?«
»Ich bin mit …? Was meinst du damit? Wovon redest du?«
»Sag mal, stimmt etwas nicht, Mila? Ist etwas passiert? Du wirkst ganz verstört. Hat sie dir etwas angetan?«
»Mir? Etwas angetan?« Ich begriff die Welt nicht mehr.
In diesem Moment klopfte es. Denna ging zur Tür und öffnete. Das Mädchen mit den pinkfarbenen Haaren stand davor und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Denna nickte, schloss die Tür und kam zurück.
»Hör zu, Mila, wir reden gleich weiter, ja? Es gibt ein Problem nebenan bei der Audienz, das Schneerose allein nicht lösen kann.«
Ich saß immer noch wie erstarrt. Als liefe ein falscher Film in meinem Kopf ab. Ein Film ohne Happy End.
»In einer Stunde bin ich fertig mit meiner Audienz. Dann hole ich Canis dazu, und wir nehmen uns Zeit. Was du erzählst, verwirrt mich. Wir müssen dem gemeinsam auf den Grund gehen. Oder?« Sie sah mich prüfend an. »Vielleicht ist es besser, wenn ich dich nicht allein lasse. Soll ich jemanden holen lassen? Canis?«
»Ysen«, sagte ich.
»Ysen?«
»Ja. Wir sind zusammen in den Thronsaal gekommen. Vielleicht hast du ihn gesehen.«
»Natürlich.« Denna nickte. »Ich wusste nicht, dass ihr euch auch kennt. Er wird gleich kommen.«
Dann ging sie nach draußen.
Mir wurde auf einmal so übel, dass ich mich beinahe übergeben hätte. Ich spürte ein Ziehen im Bauch, so stark, dass ich mich krümmte.
Rosalyn hat dich an die Hand genommen, und du bist mit ihr fortgegangen.
Was, um alles in der Welt, passierte hier?
