12 typische Elemente aus Grimms Märchen – Teil 2

Im ersten Teil meiner kleinen Reihe ging es um geheimnisvolle Wälder, märchenhafte Orte, magische Gegenstände und sprechende Tiere. Diesmal möchte ich drei weitere typische Elemente aus Grimms Märchen genauer betrachten: Flüche, Verwünschungen und Verwandlungen, scheinbar unmögliche Aufgaben sowie magische Zahlen.
Sie begegnen uns in den Märchen der Brüder Grimm immer wieder. Menschen werden in Tiere verwandelt, Heldinnen und Helden müssen Aufgaben lösen, die eigentlich nicht zu bewältigen sind, und bestimmte Zahlen kehren so häufig zurück, dass sie längst zum festen Bestandteil unserer Vorstellung von Märchen geworden sind.
Doch warum spielen gerade diese Elemente eine so große Rolle? Und welche Aufgabe übernehmen sie eigentlich für die Geschichte? Genau das möchte ich mir in diesem zweiten Teil der Reihe genauer ansehen.
4. Flüche, Verwünschungen und Verwandlungen

Kaum ein Fluch ist so bekannt wie der aus Dornröschen. Weil die dreizehnte Fee nicht zur Taufe der Königstochter eingeladen wurde, spricht sie aus Zorn ihre Verwünschung aus: Dornröschen soll sich an einer Spindel stechen und sterben. Erst die zwölfte Fee kann den Fluch abmildern. Aus dem Tod wird ein hundertjähriger Schlaf.
Auch in vielen anderen Grimmschen Märchen stehen Flüche und Verwünschungen am Anfang der Geschichte. Im Froschkönig wurde ein Königssohn von einer Hexe in einen Frosch verwandelt. In Die Rabe verwandelt sich ein Mädchen durch die unbedachten Worte seiner Mutter in einen Raben. Und in Die zwölf Brüder werden die Brüder in Raben verwandelt, nachdem ihre Schwester zwölf Lilien gepflückt hat.
Auffällig ist, dass die Verwandlung selten das eigentliche Ende der Geschichte ist. Viel wichtiger wird die Frage, wie der Zauber wieder gebrochen werden kann. In Die zwölf Brüder darf die Schwester sieben Jahre lang weder sprechen noch lachen, um ihre Brüder zu erlösen. Erst mit dieser Aufgabe beginnt die eigentliche Handlung des Märchens.
Die Ursachen für Flüche und Verwünschungen sind in Grimms Märchen sehr unterschiedlich. In Dornröschen entsteht er aus gekränktem Stolz, weil die dreizehnte Fee nicht zur Taufe eingeladen wurde. Im Märchen Die Rabe sind es die unbedachten Worte einer Mutter, die ihre Tochter in einen Raben verwandeln. Im Froschkönig geht die Verwünschung auf eine Hexe zurück, während in anderen Märchen Zauberinnen oder Hexen Menschen aus Bosheit oder Rache verwandeln.
Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie die Geschichte überhaupt erst in Gang setzen. Erst der Fluch macht aus dem gewöhnlichen Leben ein Abenteuer.
5. Scheinbar unmögliche Aufgaben

Wer Grimms Märchen liest, begegnet immer wieder Aufgaben, die auf den ersten Blick unlösbar erscheinen. Heldinnen und Helden sollen Dinge finden, die als unerreichbar gelten, Gegenstände beschaffen oder Arbeiten erledigen, die kein Mensch allein schaffen könnte.
Ein bekanntes Beispiel ist Aschenputtel. Bevor sie zum Fest gehen darf, muss sie Linsen aus der Asche lesen. Eine Aufgabe, die sie unmöglich rechtzeitig bewältigen könnte. Die Tauben kommen ihr zu Hilfe und sammeln die Linsen für sie ein.
In Die Bienenkönigin stehen dem jüngsten Königssohn gleich mehrere scheinbar unlösbare Aufgaben bevor. Er soll tausend verstreute Perlen einsammeln, einen Schlüssel aus einem See holen und unter drei schlafenden Königstöchtern die jüngste erkennen. Gelingen kann ihm das nur, weil er zuvor Ameisen, Enten und Bienen verschont hat. Nun helfen sie ihm, die Aufgaben zu lösen.
Nicht weniger aussichtslos wirkt ein Auftrag im Märchen Der goldene Vogel. Der jüngste Königssohn soll zunächst den goldenen Vogel, später das goldene Pferd und schließlich die goldene Prinzessin holen. Immer wieder scheint er kurz vor dem Ziel zu stehen und scheitert doch: Bis er lernt, auf den Rat des Fuchses zu hören.
Es gibt in Grimms Märchen ganz unterschiedliche Wege, scheinbar unmögliche Aufgaben zu lösen. Manche Helden bestehen sie mit Mut und außergewöhnlicher Kraft wie Der starke Hans. Scheinbar unmögliche Aufgaben verlangen in Grimms Märchen ganz unterschiedliche Fähigkeiten. Das tapfere Schneiderlein löst viele seiner Prüfungen nicht mit Muskelkraft, sondern mit Klugheit und List. Im Märchen Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen braucht der Held dagegen außergewöhnlichen Mut, um mehrere Nächte in einem verwünschten Schloss auszuhalten. Andere Märchen zeigen wieder einen ganz anderen Weg: In Die weiße Schlange gelingen die Aufgaben nur mit Hilfe treuer Tiere.
6. Magische Zahlen

Wer Grimms Märchen liest, begegnet immer wieder denselben Zahlen. Besonders häufig tauchen die Drei, die Sieben und die Zwölf auf. Drei Brüder ziehen in die Welt hinaus, sieben Raben warten auf ihre Erlösung und zwölf Brüder oder zwölf Prinzessinnen prägen ganze Geschichten.
Dabei wirken diese Zahlen selten zufällig gewählt. Die Drei begegnet uns oft bei Wiederholungen oder mehreren Versuchen. Drei Wünsche, drei Aufgaben oder drei Brüder geben einer Geschichte einen festen Rhythmus. Die Sieben steht häufig für eine längere Zeit oder eine vollständige Bewährungsprobe. Und die Zwölf erinnert an die Ordnung der Welt – zwölf Monate, zwölf Stunden oder zwölf Geschwister, wie in den Märchen Die zwölf Brüder oder Die zwölf Prinzessinnen.
Warum ausgerechnet diese Zahlen immer wieder auftauchen, erklären die Märchen nicht. Sie setzen sie einfach voraus – und genau deshalb wirken sie bis heute so selbstverständlich. Wer ein Grimm'sches Märchen hört, wundert sich kaum darüber, dass etwas dreimal versucht werden muss oder sieben Jahre dauert.
Magische Zahlen begegnen uns in Grimms Märchen so häufig, dass sie längst zu unserem Bild vom Märchen gehören. Sie geben den Geschichten ihren Rhythmus und lassen viele Ereignisse fast selbstverständlich wirken. Wer einmal darauf achtet, wird ihnen immer wieder begegnen.




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