Was ist Märchen-Fantasy? Wenn alte Märchen zu neuen Geschichten werden
- Kaja Paulan

- vor 11 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Ich bin in der DDR groß geworden, und Fantasy-Literatur, wie wir sie heute kennen, spielte in meiner Kindheit kaum eine Rolle. Meine ersten Reisen in fantastische Welten waren deshalb Märchen. Lange bevor ich wusste, was Fantasy überhaupt ist, kannte ich verwunschene Wälder, gläserne Berge und verzauberte Schlösser. Ich wusste, dass Tiere sprechen, Menschen in andere Gestalten verwandelt werden und Wunder einfach geschehen können.
Ich kannte Dornröschen und Schneewittchen, die sieben Raben und die sechs Schwäne. Diese Figuren waren mir vertraut und blieben doch seltsam unbestimmt. Wie genau sahen sie aus? Wie klang ihre Stimme? Wie fühlte sich der Wald an, durch den sie gingen? Märchen ließen meiner Fantasie unglaublich viel Platz. Vielleicht habe ich sie auch deshalb so geliebt.
Bis heute mag ich dieses Verwunschene an ihnen. Die alten Sprüche, die manchmal fast wie kleine Gedichte klingen. Die Ringe, Sterne, Spiegel und Schlüssel, die plötzlich über ein ganzes Schicksal entscheiden können. Die Wälder, Berge und fremden Königreiche. Und natürlich die Figuren, die sich einfach auf den Weg machen. Manche von ihnen tun Dinge, die ich schon als Kind ungeheuer mutig fand: Sie ziehen allein durch die Welt, suchen ihre verschwundenen Geschwister oder wagen sich an Orte, von denen ihnen jeder vernünftige Mensch abraten würde.
Diese Faszination hat mich nie ganz losgelassen. Auch als ich längst andere fantastische Geschichten las, dachte ich beim Erfinden eigener Welten immer wieder in Märchenbildern. Vielleicht schreibe ich deshalb heute Märchen-Fantasy.
Aber was ist Märchen-Fantasy eigentlich? Muss darin ein bekanntes Märchen neu erzählt werden? Braucht es Prinzessinnen, Feen und verwunschene Schlösser? Oder kann aus den alten Motiven etwas vollkommen Neues entstehen?

Was ist Märchen-Fantasy?
Für mich beginnt Märchen-Fantasy nicht dort, wo jemand ein bekanntes Märchen noch einmal neu erzählt. Natürlich können aus Schneewittchen, Dornröschen oder der Schneekönigin wunderbare neue Geschichten entstehen. Aber Märchen-Fantasy kann viel mehr sein.
Sie greift auf etwas zurück, das uns aus Märchen vertraut ist: auf ihre Motive, ihre Figuren, ihre Bilder und manchmal auch auf ihre ganz eigene Art, die Welt zu betrachten. Ein Versprechen kann bindender sein als jeder Vertrag, ein Fluch über Generationen wirken und ein unscheinbarer Ring darüber entscheiden, wie eine Geschichte endet.
Dabei muss niemand erklären, warum all das möglich ist. Das Wunder gehört zur Welt.
Genau das unterscheidet Märchen-Fantasy für mich auch von mancher anderen Fantasy. Magie muss nicht immer einem ausgeklügelten System mit festen Regeln folgen. Manchmal genügt es, dass etwas seit hundert Jahren so ist. Dass niemand nach Einbruch der Dunkelheit den Wald betreten darf. Dass ein bestimmter Name nicht ausgesprochen werden soll. Oder dass es irgendwo einen Weg gibt, den nur derjenige findet, der ihn wirklich braucht.
Märchen-Fantasy kann solche vertrauten Bilder aufnehmen und daraus etwas Eigenes machen. Der Spiegel muss nicht der Spiegel aus Schneewittchen sein. Hinter ihm kann eine völlig neue Welt warten. Die Fee muss keine gute Patin sein, und die Prinzessin muss weder auf einen Prinzen warten noch überhaupt gerettet werden wollen.
Vielleicht liegt gerade darin für mich der Reiz: Man erkennt etwas wieder und weiß trotzdem noch nicht, welche Geschichte daraus entstehen wird.

Wenn aus alten Märchen neue Geschichten werden
Vielleicht ist das für mich das Schönste an Märchen: Man kann einzelne Motive aufgreifen und daraus eine Geschichte entstehen lassen, die mit dem ursprünglichen Märchen kaum noch etwas zu tun hat.
Ein Dornenwald kann etwas anderes verbergen als Dornröschens Schloss. Ein verzauberter Gegenstand kann eine völlig neue Bedeutung bekommen. Und auch eine Figur wie die Schneekönigin kann in einer neuen Geschichte auftauchen, ohne dass deshalb Hans Christian Andersens Märchen noch einmal erzählt werden muss. Mich interessiert gerade dieser Moment, in dem etwas Vertrautes plötzlich eine andere Richtung nimmt.
So ist es auch in meinen eigenen Geschichten. In Ragnamar sind Märchen zunächst genau das, was sie für uns auch sind: Geschichten. Auch Emilia begegnet ihnen zunächst in Büchern und in der Bibliothek ihres Klosters. Erst später entdeckt sie, dass hinter manchen dieser Geschichten sehr viel mehr steckt. Als sie nach Ragnamar gelangt, begegnet sie einer Welt, in der Märchen nicht einfach erfunden wurden und in der ihre Spuren bis in Emilias eigene Geschichte reichen.
In Die Stunde der Feen greife ich unter anderem die Schneekönigin auf. Sie gehört zu dieser Welt, bekommt darin aber eine eigene Geschichte und wird Teil eines viel größeren Zusammenhangs. Das bekannte Märchen ist also nicht die Handlung, sondern ein Ausgangspunkt, von dem aus etwas Neues entstehen kann.
Genau das fasziniert mich an Märchen-Fantasy. Ein bekanntes Motiv bringt bereits Erinnerungen und Vorstellungen mit sich. Bei einem gläsernen Schuh denken wir an Aschenputtel, bei einem vergifteten Apfel an Schneewittchen und bei einem Schloss hinter einer Dornenhecke an Dornröschen. Aber eine neue Geschichte muss diesen Erwartungen nicht folgen.
Sie kann mit ihnen spielen, sie verändern oder nur einen einzigen vertrauten Gedanken aufgreifen und von dort aus ihren eigenen Weg gehen.
Vielleicht schreibe ich deshalb bis heute so gern Märchen-Fantasy. Vieles von dem, was mich schon als Kind an Märchen fasziniert hat, ist noch da. Aber jedes Mal kann daraus eine Welt entstehen, die es vorher noch nicht gab.
Die ganze Welt ist in Märchen gepackt
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass in Märchen eigentlich schon fast alles angelegt ist, was wir bis heute an großen Geschichten lieben. Menschen brechen auf, müssen Entscheidungen treffen, bestehen Prüfungen, verlieren etwas, suchen etwas und finden manchmal etwas ganz anderes. Und irgendwo dazwischen geschieht vielleicht ein Wunder.
Vielleicht ist die ganze Welt ein bisschen in Märchen gepackt. Man muss nur anfangen, ihre Geschichten weiterzudenken.

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